Und jetzt?

Es ist der 4. Juli. Normalerweise sollten Philine und ich und jetzt mit unserer Mitbewohnerin auf ihren Geburtstag und auch langsam auf unsere Abreise vorbereiten. Vielleicht den Stress um die Bewerbungen für die Uni abklingen lassen und wieder etwas mehr mit den Familien telefonieren um die Rückreise vorzubereiten.

Stattdessen sitze ich, wie eigentlich die letzten drei Monate auch schon, auf dem Sofa und warte, dass es irgendwie weiter geht. Der Jahreswechsel war voller Anstrengung: Weihnachten so weit weg von Zuhause ist nicht einfach. Philine und ich waren zwar trotzdem in der Kirche, aber es ist irgendwie nicht das gleiche. Bei Streetlife war erstaunlich wenig los: in der Weihnachtszeit besinnen sich die Leute eben doch immer wieder ein bisschen mehr auf die Familie. Zu meinem Geburtstag hatte ich dann überraschenderweise gleich vier Leute zu Besuch und dann mussten wir uns plötzlich schon auf die Reise nach Tansania vorbereiten. Das war ganz schön aufregend. Die Nacht haben wir in Manchester am Flughafen verbracht und Rebekka gerade so noch in Amsterdam eingesammelt, bevor der Flug ohne sie los ging. Die Zeit dort war wirklich bereichernd, schön und aufregend. Die Temperaturen waren nach dem nassen und grauen englischen Winter echt ungewohnt und die vielen Farben und neuen Eindrücke waren eigentlich eher ein Anreiz, da zu bleiben, als jemals wieder weg zu fliegen. Als Winterkind mit Sonnenallergie hatte ich natürlich trotzdem was zu meckern. Aber schön war es doch. Und auch gut, alle Mal wieder zu sehen. Der Arbeitsalltag kann schnell repetitiv werden und so Mal was komplett anderes zu sehen, war schon eine nette Auszeit. Ich muss aber sagen, ich war danach schon erleichtert, wieder Chiara-freundlichere Temperaturen zu erleben.

Wieder in England ging es dann nach ein, zwei Wochen schon ganz schön drunter und drüber. Wir haben gleich drei neue Mitbewohner gekriegt: Olivia, die jetzt vielleicht für ihren Geburtstag nach Deutschland kommen möchte, Andrew, der eigentlich ein Uni-Praktikum bei Streetlife gemacht hat und, last but not least, Noel, über den Philine und ich uns natürlich sehr gefreut haben. Sein Aufenthalt war aber leider nur sehr kurzlebig. Aus Deutschland haben wir schon die ersten Anklänge des bösen C-Worts gehört, aber in England war es zu dem Zeitpunkt noch sehr entspannt. Mitte März bin ich sogar noch zu einem grossen Konzert nach Manchester gefahren und innerhalb von drei Wochen mussten wir dann alle ausreisen und Streetlife den Betrieb erst auf’s Allernötigste und dann komplett herunterfahren. Wir haben nach Noels Abreise noch zwei weitere Mitbewohnerinnen willkommen geheißen, Gracie und Jenna, deren Placements schon deutlich früher schliessen mussten. Eine Zeit lang waren wir also wirklich gut besetzt, vor allem bei dem vergleichsweise niedrigen Arbeitsaufwand. Anfang April bin ich dann aber, eine Woche nach Philine, auch wieder nach Deutschland gekommen, nachdem Streetlife seine Türen bis auf weiteres schliessen musste.

Wer sich jetzt fragt, wie man in so einer schweren Zeit die besonders betroffenen Wohnungslosen einfach draussen sitzen lassen kann: Blackpool ist voll von kleinen Hotels und B&Bs, die (aufgrund der Reisebeschränkungen) sowieso leer stehen mussten. Blackpool council zahlt jetzt also eine gewisse Summe (die sie sonst an Streetlife zahlen würden) an die Hoteliers und dafür können sie dort unterkommen.

Streetlife will seine Türen aber auch langsam wieder öffnen: aus den E-Mail Verteilern klingt heraus, dass Wiedereröffnungspläne gemacht werden und auch Ideen gesammelt werden, wie Hygienemaßnahmen eingehalten werden können. Dabei geht Großbritannien etwas anders vor als Deutschland: Masken waren zumindest lange Zeit nicht verpflichtend und auch jetzt sind sie nur im öffentlichen Personennahverkehr zwingend aufzusetzen. Dafür darf sich aber nur eine begrenzte Menge an Personen gleichzeitig in Supermärkten aufhalten (was ich auch selbst noch erlebt habe). Von einigen lokalen Volontären, genau wie aus den Nachrichten hab ich natürlich auch gehört, wie sehr die Krankheit dort grassiert, aber es scheint doch auch in England wieder bergauf zu gehen.

Aktuell sind sowohl Olivia als auch Andrew als auch Jenna noch im House. Gracie ist vor ein paar Wochen zurück nach Neuseeland geflogen. Andrew hat beschlossen zu bleiben, obwohl die aktuelle Zeit, die er bei Streetlife arbeitet, nicht für die Uni anerkannt wird. Jenna wird in näherer Zukunft nach Schottland gehen, um dort ihr Auslandsjahr fort zu führen und Olivia konnte eine Zeit lang nicht wieder nach Australien zurück, wo sie Zuhause ist, da sie über Singapur hätte fliegen müssen und der Flughafen geschlossen war. Danach hat sie einfach beschlossen, da zu bleiben und zu helfen, wo sie kann.

Ja, und jetzt? Mir war klar, dass ich nach einer Pause von mindestens zwei Monaten nicht nochmal würde fliegen wollen. Für 6 Wochen hätte ich dann doch nicht zurückgehen wollen. Nachdem ich jetzt viel Zeit hatte, zu reflektieren und mir über die Zeit Gedanken zu machen, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es eine wirklich gute Erfahrung war. Ich habe viel gelernt: bin ein bisschen geduldiger und selbständiger geworden. Ich konnte viele wertvolle Erfahrungen mitnehmen und bin mit neuer Wertschätzung für das Pfandsystem und Hela Gewürzketchup gelandet. Aber ein bisschen vorsichtiger bin ich auch geworden. Ich glaube nicht, dass drei Monate genug Zeit waren, alles zu verarbeiten, was ich dort erlebt habe. Diese Fülle und Vielzahl an Menschen und Lebensgeschichten und Eindrücken und Erfahrungen und neuen Ideen und meinen persönlichen Veränderungen überfordert mich momentan immernoch ein bisschen. Aber ich bin froh, dass ich da war. Einfach war es nicht. Aber das konnte ich wahrscheinlich auch nicht erwarten. Wertvoll dafür umso mehr.

(Das war doch ein schönes Ende. Warum geht es jetzt noch weiter? Anscheinend habe ich meinem Mitteilungsbedürfnis doch noch nicht zuende gefrönt. Wer sich jetzt fragt, wie es mit mir persönlich weitergeht: ich habe mich an verschieden Universitäten beworben und hoffe auf einen Studienplatz für Philosophie-Neurowissenschaften-Kognition. Sollte das nichts werden, habe ich mich woanders für Philosophie immatrikuliert. Aktuell geniesse ich noch die Freiheiten der unfreiwilligen Corona Auszeit. Im August fliege ich vielleicht nochmal aus persönlichen Gründen nach England (d.h. die Gitarre, die ich leider im April nicht mit transportieren konnte.) Und im Herbst geht es dann ins Studium. Das reicht jetzt aber wirklich. Hier ist jetzt das echte Ende.)

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