Bei Nacht und Nebel über die Grenze

Das nennt man dann wohl Grenze zum Nachbarland oder einfach nur der ganz normale Coronawahnsinn

Na dann, auf gehts, zu der Geschichte, die ich, wie mir prophezeit wurde, wahrscheinlich noch meinen Enkelkindern erzählen werde.

Das ist er dann wohl, mein Abschlussbericht von meiner (1.) Taizézeit. Wie ihr euch wahrscheinlich schon denken konnte, bin ich, wie alle anderen meines Stiftungsjahrgangs nicht mehr dort wo ich eigentlich sein sollte.

Klar, dachte ich, meine Ausreise wird eine der entspanntesten. Muss an keinen Flughafen, einfach in nen Bus und Zug… und ja, der Abschied wird hart, aaaaber folgt in Taizé auch einem kleinen inoffiziellen Rhythmus. Meist einen ordentlich fröhlichen Abschiedsabend, bei Bedarf noch ein Taizéliedersingekreis in der Kirche, die Einträge ins Liederbuch fehlen auch bei den Permanents nicht und dann werden alle, zu ihrem gewählten Fahrzeug gebracht und wer hätts gedacht…gesungen. Mal witzig, mal emotional. Leute gehen, mal schweren Herzens, aber schlussendlich mit wenigen Ausnahmen, weil sie es wollen.

So habe ich über meine Zeit in Taizé über 50 Abschiede mitgemacht. Hart und gut, da das Abschied nehmen einen (vorläufigen) Schlusspunkt setzt.

Ich will meine Ausreise nicht überdramatisieren, ja es war krass, aber in der Situation auch irgendwie dann ein aushaltbarer Lauf.

Also eigentlich war alles relativ entspannt in Frankreich und Taize bis zum 8.3.20. Ach ne da war ja was….. ne große Portugiesenwoche.

In Kurzfassung:

  • Leichte Vorbereitung durch 1000 Franzosen, wo ich plötzlich auf französisch! Anweisungen geben musste..
  • Schlagartiges Erwachen dann aus entspannter Winterzeit
  • aber jede erdenkliche Ecke von Taizé für 3000 Portugiesische Jugendliche genutzt
  • Musste/durfte Putzen für 10 Badkomplexe mit viel zu wenig Permanents koordinieren, aaaaber
  • Iiiimmer Stimmung. Nie einen Moment wo man keine Gitarre gehört hat…
  • Ganz zu schweigen von der Cajon Rate nicht so schönen Anblicken auf den Toiletten
  • Stressig
  • Aber sonnig und wie ne Sommerwoche, wer hätte gedacht, dass das die letzte große in Taizé für dieses Jahr wird?
Die Stimmung… Da macht ein Job daneben richtig Bock! Täglich wiederkommend konnte ich doch tatsächlich Portugiesische Hits! 😎

Die ersten Ausläufer von Corona kamen dann nach Taizé, darf man noch kommen? …ja, außer aus Risikogebiete (gabs kaum welche). Naja, und um die rasante und von meiner Meinung nach sehr panische Reaktion, ging es innerhalb von ich glaub 8.3.2020 los

maximal 5000,

nein 1000,

nein 100 Besucher*innen möglich –

ohhh Taizé ohne Besucher*innen an Ostern,

hin zu Gottesdienste verboten

Und schlussendlich Ausgangssperre am Dienstag dem 17.3.2020, die bis Mai galt.

Jeden Tag galten neue und andere Regeln der Regierung, die dann zu weiteren Reaktionen in Taizé führten. Eine Ansprache des Präsidenten war für Mo.den 16.3.2020 angekündigt, die dann auch zur Ausgangssperre am 17.3.2020 führte. Wir wurden so gerade noch rechtzeitig mit großer Unterstützung und Druck, den ich mir sonst nicht gemacht habe, (man wird ja wohl rüberkommen – dachte ich) , auf den Weg gebracht.

Am Nachmittag erfahren, planten wir zwei Stunden wie 16 Deutsche nach Hause kommen. Glaubt mir, geht nicht. Züge voll, ausgefallen, Mietautos wurden nicht mehr vermietet und Fliegen.. Naja Geld und Umwelt dankt.

Die Situation war surreal und irgendwie komisch, aber auch witzig. Deutsch wie wir sind, haben wir dann erstmal Post its verteilt, wer denn wo so lebt.

Deutschland kontrollierte ab diesen Abend die Grenzen, also es durften nur Deutsche rein und Frankreich half auch nicht, die ließen halt auch nicht mehr Nichtfranzosen rein. Also weder die Deutschen Permanents noch die französischen Brüder hätten helfen können. Und so war doch die Idee, dass wir mit Taizéautos doch nicht über die Grenze gebracht werden, weil Sie sonst nicht mehr reinkommen und so naja blieb uns eine Möglichkeit….

Laufen. Also das war das einzig legale was uns so einfiel… Vielleicht wäre ja auch nen Boot gegangen, aber welche Staatsangehörigkeit hätte dann der Kapitän haben müssen? Beide?

Über einen zufällig ausgewählten kleineren Grenzübergang sind wir dann gelaufen und von superlieben Eltern und Freunden abgeholt. Ach so um 23h waren wir an der Grenze nachdem wir um 18 Uhr losgefahren sind. Ich glaub es gibt bessere Uhrzeiten, um über eine abgesperrte Autobrücke zu laufen…

Schon echt krass wie komisch man sich bei einer formal legalen Sache fühlen kann. wir haben eine Minieinblick in eine illegale Grenzübertretung bekommen, der noch viel unfreiwilliger sein kann… Unbeschreiblich.

Klar, würden jetzt welche sagen, ihr wärt doch immer noch rausgekommen, wissen wir nicht. Ab 12 Uhr mittags, was aber keiner wusste, durfte keiner mehr auf den Straßen unterwegs sein… Und unsere Fahrer*innen mussten auch noch zurück.

Also es war die beste/einzige Option und wir hatten keine Probleme, sind gelaufen dann nach kurzer Verabschiedung weitergefahren. Fühlte sich nicht super krass an.

Aber apropos Verabschiedung. Ja das war nicht wirklich möglich. Manche habe ich einfach nicht mehr gesehen. Ich war auch nicht dazu bereit. Um alles zu ordnen war zum Glück in der Freiwilligen Quarantäne bei einer anderen Permanent Zeit.

Dort war ich dann drei Wochen. Was für eine Gastfreundschaft und bestes Essen. Und Zeit. Ja die hatte ich lange nicht mehr und war auch mal gut,sie gar nicht aufteilen zu können zwischen sich und andere. Und auch zu zweit war das wie in einer Gemeinschaft zu leben. In einer mini kleinen halt. Uuuund einer wunderschönen.

Und wie gehts weiter…

Mit Taizé?

Mit Hygieneauflagen geht es schon seit Juni. Sehr überraschend.

Die Gebete werden mit Audio übertragen oder einmal die Woche per Facebook. Bibeleinführungen und selbst Song practice also Chorprobe gabs online.

Klar will ich zurück, es ist eine superschöne Vorstellung einige der Menschen wiederzusehen uuuund ich muss doch meine vergessenen Sachen wiederfinden!!!! Und das diesen Juli nochmal.

Gerade jetzt mit Abstand betrachtet, ist das Zusammenleben wie in einer Riesenfamilie gewesen. Ja ich kannte viele viele Macken der anderen und man hat sich, auch wenn man zu manchen keinen tiefen Kontakt hatte, täglich gesehen. Welche noch so guten Freunde siehst du sonst täglich?

So war es auch gar kein Problem mit der Permanent zusammenzuziehen. Ich habe nichts an ihr entdeckt, was ich nicht schon im Ansatz erlebt hatte.

Kennt ihr nicht auch Seiten von Arbeitskolleg*innen richtig gut, obwohl ihr sie nicht privat kennt?

Es wird noch mal ein letzter Blog kommen, in dem ich versuche, den Aufenthalt unter bestimmten Schlagwörter zu beschreiben, mein Fazit zu schreiben.

Danke fürs Verfolgen meiner und unserer Einträge unseres Auslandsjahrblog. Ich kann euch sagen, dass Stiftung und Taizé mehr ist als nur das Jahr. Stiftung war schon davor da und wird auch in bleibenden, verlaufenden und wiedersehenden Freundschaften bleiben.

Für alle, die wen kennen der*die in/um die Landeskirche Braunschweig wohnt, es ist ein unbezahlbare Möglichkeit verändert zu werden, von Land und Leute und vergiss es, die wirst du nicht so schnell los.

Und was ist mit Taizé? Auch außerhalb Taizé ist es unmöglich mit allen Kontakt zu halten, mit vielen würde ich es aber gerne. Was bleibt sind bewegende Momente und Fotos, die mich daran erinnern. Und ey, ich hatte einmal in der Woche richtig was zu tun….. Skypen mit meinem Mädels und unseren verantwortlichen Schwestern aus meinem Haus.

See you. *

*Das idealistische Versprechen, dass wir uns alle irgendwann wiedersehen in Taizé.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s