Gehupe im Regen, Gehupe in der Hitze


Moinsen liebe Leute,

es ist Sonntag der neunte Februar und draußen ist kein graues Wetter, kein Schneegestöber, sondern Vogelgezwitscher. Die Vormittagshitze hält mich drinnen. Ich sitze in einem mittel-bequemen Plastikstuhl und habe die Füße ungeniert auf dem Schreibtisch, während ich indische Snacks knabber. Knusprig frittierte Teigkringel mit Anissamen.

Die Situation lässt sich schon gut aushalten und trotzdem habe ich mich seit geraumer Zeit davor gedrückt, den ersten Blogeintrag hochzuladen. Am Anfang hatte ich richtig Lust darauf, kurze Geschichten oder Einträge zu verfassen. Aber ich hatte in der ersten Zeit das Gefühl, mein Leben hier würde nur sehr langsam in Schwung kommen und es gäbe noch nicht wirklich viel zu berichten. „Naja egal“, dachte ich mir, dann schreibe ich eben über die kleinsten Kleinigkeiten, die mir auffallen. Dummerweise gab es lauter Hin und Her mit der Anmeldung auf diesem Blog, weil ich einen dusseligen Tippfehler in meiner Emailadresse hatte. Aus einem unbehaglichen Gefühl heraus, wollte ich den nächsten und übernächsten Anmeldeversuch dann gar nicht erst starten und da der Alltag dann doch flotte Lotte ins Rollen gekommen ist, war ein Blogeintrag keine Priorität mehr für mich. 

Gestern war mein erster Tag ohne Zimmernachbarin, sturmfrei quasi. (Aber anstelle eine dicke Party zu schmeißen, habe ich mich doch mal an die Anmeldung gesetzt und siehe da: es war gar kein großes Ding.)

Ich wohne hier auf dem Hof, auf dem ich teilweise auch arbeite. Es ist ein Mädchenheim mit Pi mal Daumen 130 Mädchen im Alter von sechs bis 16. Anna, meine Mitfreiwillige, und ich teilen uns ein geräumiges Zimmer mit vielen Fensterchen und Blick auf den grünen Hof. Sie ist über das Wochenende weggefahren, um ihren Besuch aus Deutschland zurück zum Flughafen nach Chennai zu bringen. Als örtliche Orientierung sei gesagt, dass Mayiladuthurai, mein jetziger Wohnort, eine Stadt in dem Bundesstaat Tamil Nadu, in Südostindien, ist. Unser Hof liegt zwar im Grünen und wir Menschen sind nicht seine einzigen Bewohner (von vielbeiniger Gesellschaft möchte ich in einem anderen Beitrag erzählen…), doch die hellgelbe Mauer, die ihn umgibt, grenzt direkt an die Hauptstraße.

Man muss nicht lauschen, um die riesigen Busse hupen zu hören. Wo man in Deutschland davon ausgehen kann, dass man gleich ein gehöriges Problem haben wird, sollte man sich nicht schleunigst aus der Situation begeben, kann hupen in Indien alles mögliche heißen. Sicherlich auch, dass man zur Seite gehen sollte aber tut man das nicht, stört sich kaum ein Busfahrer daran, sondern braust mit schwarz qualmendem Auspuff in fünfzehn Zentimetern Entfernung an einem vorbei. Ansonsten wird gehupt, wenn man auf eine Kreuzung zufährt oder beinahe durchgängig, wenn man in einer der zahlreichen kurvigen Straßen außerhalb der Stadt unterwegs ist. Häufig säumen Gestrüpp und Bäume die Straße und bilden so hohe und dichte Begrenzungen, dass man nicht sehen kann, ob einem jemand entgegekäme. Dann wird eben mit der Hupe auf sich aufmerksam gemacht. Ich konnte sogar entdecken, dass diese kein Knopf, sondern meist ein Hebel an der Seite des Lenkrades ist. In den Angeber-Bussen, die drinnen kleine hinduistische Heiligenbildchen hängen haben, die mit frischen Blumenketten geschmückt sind, gibt es sogar zwei Hebel mit unterschiedlichen Tonhöhen. An einem recht gewöhnlichen Mittwochmorgen bin ich bei einem besonders musikalischen Busfahrer eingestiegen, der laute, durchdringende Melodien gespielt hat, um Kühe und besonders die zahlreichen Ziegen von seinem Weg zu verscheuchen.

Die meisten Straßen sind hier betoniert und an den Rändern ausgefranst wie ein alter Rocksaum, dort verlieren sie sich in staubtrocken Sandstreifen, die die Straße säumen und die Fußwege bilden. Wenn man ein Bisschen Kleingeld hat, geht man allerdings kaum zu Fuß, sondern ruft eine Rikshaw zu sich heran. Ganz zu Beginn unserer Zeit hier sind Anna und ich einmal zu Fuß zum Bahnhof gelaufen, die Strecke sind vielleicht knappe vier Kilometer, und erst gestern wieder wurde ich von einer auf dem Hof lebenden Omi darauf angesprochen, wie ungewöhnlich das gewesen sei. Mir ist aufgefallen wie langsam die meisten Menschen um mich herum laufen, vielleicht liegt das an der Hitze.

Obwohl hier keine vier Jahreszeiten ihre Launen über die Gegend streifen lassen, spürt man seit meiner Ankunft schon deutliche Veränderungen im Wetter. Denn dass die Straßenränder staubtrocken sind, war nicht immer so. Erst seit ein paar Wochen fühlt man, dass die Regenzeit endgültig vorüber ist. Anfangs hatte es mehrmals pro Tag heftig gegossen und draußen auf dem erdigen Platz vor dem Hauptgebäude konnte man zuerst kleine Bäche beobachten, die wuchsen und wuchsen bis sie einander berührten und schon nach kurzer Zeit die gesamte Fläche fluteten. Ich erinnere mich noch gut daran, dass wir an unserem zweiten Abend beide hundemüde in unsere Betten gefallen sind und längst die Moskitonetze zugezogen hatten, als wir nachts von lautem Knallen geweckt wurden. Der Wind hatte von außen so stark gegen die Fenster gedrückt, dass die kleinen Riegel sie nicht zuhalten konnten und sie aufgesprungen sind. Ehe wir überhaupt realsiert hatten, was der Knall hätte gewesen sein können, hatten sich vor den Fenstern auf dem Boden schon Pfützen gebildet. Wir haben die Fenster dann kurzerhand mit Leukoplast zugeklebt. 

Das hier wird ja nun mein erster Blogeintrag sein, ursprünglich hatte ich dafür schon einmal einen Text geschrieben, der aber nicht mehr hundertprozentig zu dem passt, was ich mir hier vorstelle zu schreiben. Einfach, weil mittlerweile schon so viel passiert ist und ich mir nicht die Arbeit machen werde, jede kleine Geschichte im Nachhinein aufzuschreiben. Denn das hier soll etwas sein, auf das ich mich freue und keine Aufgabe, die ich so langsam vor mir herschiebe. Trotzdem werde ich den allerersten Text, der wie eine Einleitung gedacht war, hier noch einfügen.

Und wer weiß, wenn ich Lust habe, schreibe ich irgendwann noch von der himmelblauen Pforte…

…Schön, dass Du hierher gefunden hast. Ein paar Seiten des Internets umgeblättert und hier gelandet bist, so stelle ich es mir vor. 

Vielleicht wird das hier kein gewöhnlicher Blogeintrag, aber was ist schon gewöhnlich? Das Bekannte, das Vertraute. Auf meiner Reise hier, dem Ausflug in das Fremde der Sinneseindrücke, ist ganz bestimmt mehr unbekannt als bekannt. Nur merkt man das bloß erst, wenn der Blick sich abwendet, von dem, was sich Zuhause nennt. Seien Dein Zuhause ein Lieblingsbuch, Dein Wohnort oder die eingeübtesten Deiner Gedankengänge. 

Wenn Dir danach ist, dann reiche ich Dir meine Hand und nehme Dich mit, hierher in ein heiß-verschwitztes Land. Wenn die Bilder in Deinem Kopf scharfe Umrisse haben sollen und Du ferne Klänge gern in Deinen Ohren hättest, dann versuche, Dich auf die Ausflüge einzulassen wie ein Kind, das noch nie vom Fremdeln gehört hat.

Denn vielleicht bin ich hier wieder ein Bisschen mehr Kind als noch vor ein paar Wochen. Von der Sprache kenne ich nur Bruchstücke, fast jeder Geschmack ist ein Neuer und meine Ideen wachsen mit ungeahnter Fantasie immer höher, weit über die letzten Spitzen der Palmwedel.

So manch einer, der vergessen hat, wie wertvoll es ist, die Ideen nicht schon auf der Höhe eines Rosenbusches zu stutzen, mag meine Geschichten vielleicht als kindisch bezeichnen. Aber wie kam es überhaupt dazu, dass kindisch als Schimpfwort missbraucht wurde? 

Wenn Dir das so fern ist wie mir, dann nimm Dir ein wenig Zeit und vielleicht eine Tasse Tee, damit ich Dir das nächste Mal von der himmelblauen Pforte oder der Hornisse mit ihrer riesenhaften Last erzählen kann…

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