Potosí – das Tor zur Hölle

So wurde die Stadt in unserem Reiseführer betitelt und ich fand den Namen ziemlich passend. Die Arbeit in den Mienen dort ist für die Menschen dort zum Einen ihre Lebensgrundlage, nimmt ihnen aber andererseits auch alles, wenn sie durch die schlechten Bedingungen unter Tage deutlich früher sterben.

Potosí war der erste Halt unserer Reise durch einen Teil Boliviens. Mit nur einem Tag Aufenthalt war es zwar der kürzeste aber dennoch ein sehr intensiver Zwischenstopp. Das liegt zum Einen daran, dass Potosí auf über 4000m liegt und dadurch jeder Spaziergang zu einer sehr sportlichen Aktivität wird. Aber auch unsere Aktivitäten haben diesen Halt zu einer sehr starken Erfahrung gemacht.

Nachdem wir morgens angekommen sind, uns eine Flota (so werden die Reisebusse hier genannt) nach Uyuni gebucht und unsere Reiserucksäcke beim Busunternehmen hinterlegt haben, ging es erst mal Frühstücken. Mit einem Kaffee lässt es sich doch immer viel besser in den Tag starten. Auch wenn dieser hier entgegen aller Erwartungen immer nicht so gut ist.

Nach dem Frühstück haben wir uns dann zu einer Stadttour aufgemacht, bei der wir uns die diversen Kirchen der Stadt angeschaut haben. Diese sind größtenteils im Stil des Kolonialismus, da die Stadt zu der Zeit einen starken Wachstum erlebt hat. Ganz besonders interessant wird es, wenn sich in diesen kolonialistischen Kirchen die spanische Kultur mit der indigenen Kultur Boliviens vermischt. So kommt es, dass das Eingangsportal einer dieser Kirchen Statuen der Pachamama verzieren. Bei der Pachamama handelt es sich um die Mutter-Erde, die einen zentralen Punkt im Glauben der indigenen Kulturen von Bolivien spielt.

Das Portal der Kirche „San Lorenzo“ vereint den Kolonialismus mit der indigenen Kultur

Nach dem Mittagessen begann dann der Teil unseres Tages in Potosí, der ihn so eindrucksvoll gemacht hat. Mit einer Organisation haben wir eine geführte Tour in die Mienen des Cerro Ricos gemacht. Das ist der Berg von Potosí, in dem noch immer Silber und Zink angebaut wird. Nachdem wir uns Schutzkleidung und Stirnlampen besorgt haben, haben wir zunächst einen Zwischenstopp bei einem Mienenmarkt gemacht. Dabei handelt es sich um den einzigen Ort Boliviens, an dem man legal Dynamit kaufen kann. Da in den Mienen noch immer geschürft wird und man dementsprechend bei der Tour auch immer auf Mienenarbeiter trifft, haben wir dort Geschenke (Dynamit, Coca-Blätter oder Alkohol) für die Mienenarbeiter gekauft.

Unsere Schutzkleidung für die Mienen

Dann ging es mit dem Bus weiter zum Eingang der Miene. Da wir eine eher kürzere Tour gemacht haben, sind wir zu einer Miene eher unten am Fuße des Berges gefahren. Von deren Eingang hatte man dennoch einen wunderschönen Blick auf Potosí. Dann ging es in die Mienen. Als wir hinein gegangen sind, hatte ich schon meinen ersten krassen Eindruck. Kurz vor dem Eingang ist uns ein bestimmt erst 16 Jähriger Junge in Arbeitskleidung entgegen gekommen, der anscheinend gerade seinen Arbeitstag beendet hatte.

Der Mieneneingang

Nur mit Stirnlampen und wasserdichter Kleidung ausgestattet und so ziemlich komplett vom Guide abhängig sind wir dann weiter in die Miene gegangen. Diese ist mit ihren Sicherheitsvorkehrungen in keinster Weise irgendwie mit Deutschland vergleichbar. Vielmehr hat sich dort sicherheitstechnisch seit der Kolonialisierung kaum etwas getan. Im Gegenteil: durch den stetigen Abbau wird die Arbeit dort immer schwieriger. Der Berg ist durchsäht von Stollen, wie ein Schweizer Käse. Seit der Kolonialzeit hat er schon mehr als 200 Höhenmeter durch Einstürze etc. verloren und er wird auch in Zukunft nicht stabiler werden. Die Arbeit in den Mienen ist lebensgefährlich, viele der Mienenarbeiter sterben schon mit 50 Jahren. Die Luft in den Mienen ist staubig und die Temperaturen im Berg steiegen bis auf über 30°C. Die Menschen arbeiten dennoch bis sie an ihre Grenzen kommen, die sie jedoch durch den Konsum von Coca-Blättern herauszögern.

Nachdem wir 45 Minuten in der Dunkelheit der Mienen unterwegs waren, haben wir einen weiteren Mienenarbeiter getroffen. Dieser hat uns ein bisschen was von seinem Arbeitsalltag erzählt. Er selber ist 38 Jahre alt und arbeitet in den Mienen von Potosí schon seit 20 Jahren, also seit er 18 Jahre alt war. In den Ferien und nach der Schule wird er von seinem 15-jährigen Sohn begleietet. Seine Arbeitsstelle war zu dem Zeitpunkt ein Loch im Fels, das dort 5m in die Tiefe geht. Dort hat er zu dem Zeitpunkt nach Silber geschürft. Wir haben ihm als Dankeschön etwas von unseren Geschenken dagelassen. Am meisten hat er sich über die Coca-Blätter gefreut.

Wir haben unseren Weg durch die Miene fortgesetzt und kamen dabei an einem tiefen Loch im Boden vorbei. In einem deutschen Mienenmuseum, wäre dies mit einem Gitter bedeckt, damit dort niemand hinein fällt. Hier sind wir jedoch über eine sehr klapprige Leiter in das Loch hinabgestiegen. 30 Meter ging es drüber in die Tiefe. In der Tiefe sind wir dann nochmal einen Gang entlang gegangen. Nach einiger Zeit fragte unser Guide uns, ob jemand von uns noch Dynamit dabei hätte. Damit hat sie dann kurzerhand eine Sprengladung vorbereitet, die sie dannach auch gleich zur Demonstration gezündet hat.

Nach einer halben Stunde sind wir die klapprige Leiter dann wieder hochgeklettert. Auf dem Weg nach Draußen sind wir dann noch an einer Statue für den Mienengott „Tio Jorge“ vorbei gekommen. An dem gehen die Mienenarbeiter jeden Tag vorbei und spenden ihm und der Pachamama Coca-Blätter, Alkohol und Zigaretten. Dadurch erhoffen sie sich Glück beim Schürfen und Sicherheit in der Miene. Er hat starke Ähnlichkeiten mit dem Teufel, wodurch der Name „Tor zur Hölle“ nochmal mehr passt. Nach 2 Stunden sind wir dann wieder nach draußen gegangen und ich war sehr froh, wieder Tageslicht zu sehen. Am Abend ging es dann auch schon mit der Flota nach Uyuni.

Der „Tio Jorge“ mit diversen Opfergaben