Hallo schönes Mädchen

Die Mittagspause ist vorbei. Ich stehe an der großen Avenida und warte auf einen Minibus, der mich ins Projekt bringt. Ein Auto nähert sich, es wird langsamer, ich höre einen Pfiff. Das Taxi fährt weiter. Ein Motorradfahrer dreht in Kopf in meine Richtung und säuselt „Hola chica hermosa“ (Hallo, schönes Mädchen)

Ein Mädchen möchte sich Wasser kaufen. Im Laden stehen rosafarbenen und blaue Flaschen der selben Marke. Die Verkäuferin will ihr die blaue Flasche partout nicht verkaufen, da diese für Männer und die rosafarbene für Frauen sei.

Machismo in Bolivien.

Was genau bedeutet Macho? Übersetzt bedeutet es männlich und ein Mann, der als Macho auftritt, fühlt sich aufgrund seines Geschlechts Frauen überlegen und zeigt dies auch deutlich.
Es gibt viele Beispiele, an denen ich erlebt habe, wie stark die Rollenbilder von Frau und Mann in meinem neuen Umfeld ausgeprägt sind. Männern werden dabei Attribute wie stark, bestimmen oder kurze Haare zugeordnet. Mit Frauen dahingegen werden Eigenschaften wie schönes Aussehen, Kleider und die Zubereitung der Mahlzeiten verbunden. Klar sind das überzeichnete Bilder, dennoch prägen sie das Denken. Kleine Alltagssituationen, wie die anfangs beschriebende, finde ich meistens noch ganz amüsant. Doch diese Denkweise erleben bolivianische Frauen auch in ihrer Arbeitswelt und ihren Familien. Meistens haben Männer das Sagen. Im schlimmsten Fall nimmt sich der Mann das Recht heraus, die Frau zu einem Objekt zu machen, welches ihm gehört. Dadurch wird ihr die Möglichkeit genommen, eigene Entscheidungen zu treffen. Leider ist Bolivien auch eins der Länder mit den höchsten Feminizidfällen in Südamerika. Ein Feminizid ist ein Mord an einer Frau durch einen ihr nahestehenden Mann, zB ihren Ehemann oder ihren Freund. Viele der Fälle von machistischer Gewalt werden nicht vollständig aufgeklärt und bestraft, da die Justiz sehr korrupt ist. Zum Beispiel kommt es zu Bestechung oder die Anklage gegen machistische Gewalt wird nicht ernst genommen.
Ich weiß, dass es Gewalt gegen Frauen und auch gegen Männer durch Frauen überall gibt. Dennoch war ich überrascht, wie stark der Machismo in Tarija ausgeprägt ist.
Trotzdem will ich kein komplett negatives Bild rüberbringen. Tatsächlich gibt es viele Frauen, die ein sehr emanzipiertes Leben führen und auch Männer, die Frauen auf Augenhöhe begegnen und sie nicht in ein Rollenbild zwängen. Ich habe viele Frauen kennengelernt, die sich darüber austauschen und Aktionen starten. So wird der Bauernhof bei uns um die Ecke zum Beispiel komplett von einer Frau geführt, die gleichzeitig noch Mutter ist und Kinderferien anbietet. Und die Frauen bei Yacuiba haben sich zusammengeschlossen und ein Projekt gestartet, bei dem am Ende ein Wassertank in ihrem Dorf entstanden ist.
Organisationen wie CCIMCAT bieten Workshops für Fraurn und Männer an, um das gesellschaftliche Denken zu verändern und gegen den Machismo in den folgenden Generationen vorzugehen. Ich hoffe wirklich, dass sich darüber etwas ändert und bin froh, dabei mitmachen zu können.

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