Kleiner Politischer Zwischenbericht

Wie auch schon 2016 in den USA, erlebe ich dieses Jahr wieder Präsidentschaftswahlen. Dieses Jahr in Namibia. Dementsprechend möchte ich hiermit die kleine Tradition weiterführen und einen kleinen politischen Bericht über die Wahlen, die Kandidaten und die Politik, wie ich sie hier erlebe, zu schreiben. 

Ein Wahlbüro

Bevor ich in meine eigenen Erfahrungen eintauche, kann ich aber erstmal ein paar Sachen berichten, dessen Wahrhaftigkeit ich mit gutem Gewissen bestätigen kann. Ich versuche gewissermaßen einen Rahmen zu schaffen, in dem ich über meine Erfahrungen berichten kann. 

Namibia ist ein Land, dass von sehr verschiedenen Völkern bewohnt ist. Diese verschiedenen Völker haben nicht nur unterschiedliche Kulturen und Sprachen, sondern kommen auch aus verschiedenen Teilen Afrikas. So leben einige Völker schon länger hier, einige kürzer. Greta und Ich leben im Norden Namibias, hier lebt hauptsächlich der Ovambo-Stamm. Die Ovambo sind mit ca. 50% Bevölkerungsanteil die größte Bevölkerungsgruppe in Namibia. Gleichzeitig sind sie aber auch eines der „jüngsten“ Völker hier, da sie erst im 16. Jahrhundert in die Region des heutigen Namibias gezogen sind. Andere Bevölkerungsgruppen sind z.B. Nama, San, Herrero, Kavango, Himba, Caprivianer und Weiße. Die Weißen machen ca. 5% der Bevölkerung aus und sind aufgeteilt in Nachkommen der deutschen Siedler, Nachkommen der portugiesischen Siedler (die Angola kolonisiert haben) und Weiße aus Südafrika, die Afrikaans sprechen. Letztere sind dabei in großer Mehrheit. 

Die „traditionellen“ Völker hatten in der Vergangenheit nur durch kriegerische Auseinandersetzungen (manche Stämme mehr, manche weniger) miteinander zu tun. Erste weiße Siedler kamen um 1850, aufgrund von Kupferfunden, nach Namibia. Zuvor wurde das Land von den ersten europäischen Siedlern aufgrund von Unfruchtbarkeit ausgelassen. Als Reaktion auf die Gefahr durch die Siedler (Unterwerfung, Landenteignung,..), die über moderne Waffen verfügten, wurde 1860 ein Vertrag zwischen den Stammeshäuptlingen geschlossen. Der „Friedensvertrag und Stämmebund von Hoachanas“  sicherte den Völkern gegenseitig ihre Loyalität zu und stellte Regeln für den Umgang mit weißen Siedlern auf. Weiße Siedler, darunter viele Deutsche, fühlten sich immer mehr bedroht und fragten deswegen nach Unterstützung ihrer Heimatländer. 1885 wurde dann die „Deutsche Kolonialgesellschaft für Südwestafrika“ gegründet. 

Die Kolonialgeschichte ist vor allem auch für uns als Deutsche sehr interessant, ich kann nur empfehlen sich ein wenig zu informieren. 

Während des ersten Weltkrieges wurde das Land der deutschen Kolonialgesellschaft von britischen Kolonialtruppen aus Südafrika eingenommen. Nach dem ersten Weltkrieg  wurde Deutschland alle Kolonien abgesprochen und Südafrika bekam ein UNO-Mandat über die Verwaltung von Namibia. Namibia wurde daraufhin von Südafrika als eine Provinz des Landes behandelt und angepasst. Dazu gehört, dass eine Apartheidspolitik eingeführt wurde. Mit der Gründung der UN, nach dem 2.Weltkrieg, sollte das Mandat über Namibia an die UN abgetreten werden. Südafrika ignorierte diese Forderungen und wollte Namibia zu einer offiziellen Provinz von Südafrika machen. Diese Verwaltung wurde vom internationalen Gerichtshof 1971 offiziell als illegal erklärt. Dieser Gerichtsbeschluss wurde von südafrikanischer Seite aber ignoriert. Schon davor, in 1960, wurde die South-West Africa People’s Organisation (SWAPO) gegründet. Der größte Teil der Mitglieder gehören dem Stamm der Ovambo an. 1966 kam es zu den ersten kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen PLAN (der militärische Zweig der SWAPO) und südafrikanischen Truppen. Daraufhin folgte der namibianische Unabhängigkeitskrieg und dauerte bis 1990 an. Bei den ersten freien Wahlen 1990 wurde die SWAPO dann zur Regierungspartei gewählt und seitdem jedes Mal wiedergewählt, so stellen sie auch seit der Staatsgründung die Präsidenten. 

Interessant ist auch, dass die SWAPO während des Krieges von kommunistischen Ländern unterstützt und finanziert wurde. Anfangs hatte sie auch „kommunistische Grundzüge“. Was das genau bedeutet, habe ich leider noch nicht rausgefunden. Um den Krieg gegen die SWAPO international zu rechtfertigen hat Südafrika argumentiert, dass es auch gegen die Verbreitung des Kommunismus kämpft. Die Verbindung von SWAPO zu kommunistischen Ländern erklärt eventuell auch, wieso so viele Chinesen (als einzige Ausländer) im Norden sind. Wir hatten sogar am Ende des Schuljahres sogar eine Veranstaltung, bei der die chinesische Botschaft jedem unserer Schüler in den Jahrgängen 1-7 einen Schulrucksack mit Utensilien geschenkt hat.

Am 27.November waren dieses Jahr die Präsidentschaftswahlen.

Der amtierende Präsident war und ist Hage Geingob (er wurde wiedergewählt). Und ich hatte das Glück, ihn mal aus nächster Nähe zu sehen. 

Im Hintergrund kann man eines der Kampagnenlieder hören. Diese Lieder hängen mir mittlerweile aus den Ohren raus. „Hage Hage Hage…. Hage Hage Hage….“
Sehr kreativ sind sie nicht.

Das war in Eehnana, der 5000 Einwohner „Stadt“, in der ich bis vor Kurzem gelebt habe. (Ich bin jetzt offiziell mit Mr. Nekongo in unser „White House“ in die Schule gezogen.)

Ja, der amtierende Präsident war kurz vor seiner Wahl persönlich in einer 5000 Einwohner Stadt um Werbung für seine Kampagne zu machen. Diese ganze SWAPO-Veranstaltung war sehr sehr interessant. Und viel besser kann ich meine Erlebnisse da auch nicht beschreiben. Es fand in und um eine große Tribüne statt, es waren sehr viele Leute da, es war sehr heiß und irgendwie haben alle gefeiert, getanzt.

Eine kleine witzige Geschichte von der Veranstaltung: Erst standen Franzi, Ole und ich vor den Toren des Stadions und haben in einer langen Schlange gewartet. Irgendwann viel uns auf, dass in dieser Schlange bis auf Ole und mir nur Frauen und Kinder waren. Es gab nämlich getrennte Eingänge. Bei den Frauen gab es nur eine sehr sehr lange Schlange, bei den Männern keine. Dementsprechend sah der Eingang nicht wie ein Eingang aus. So gingen Ole und Ich also durch den Männereingang. Das Beitragsbild (das Bild von mir in meinem traditionellen Hemd) ist bei diesem Eingang entstanden. Ole musste, um zu beweisen, dass es sich bei seiner Kamera nicht um eine Pistole handelt, ein Foto von mir machen. Das Foto wurde dann vom Security Guard betrachtet und danach wurden wir durchgelassen. Das paradoxe dabei, wir hatten beide Taschen dabei, in die ne Pistole gepasst hätte. Die Taschen wurden aber nicht kontrolliert. Ungewöhnliche Gäste (wir waren bei all den Leuten die einzigen Weißen) fordern wohl auch ungewöhnliche Sicherheitsmaßnahmen.

Wieso man Hage wählen sollte habe ich nach der ganzen Veranstaltung auch nicht gewusst. Schien auch nicht so wichtig zu sein. Jede(r) Redner(in) hat immer nur betont, wie wichtig es sein wird, dass man wählen geht und dann Hage wählen soll. Inhaltliche Argumente, wie bei deutschen Wahlkämpfen, gab es dabei nicht. Gab es insgesamt nicht. 

Den einzigen sachlichen Grund für Hage, den ich bis jetzt gehört habe, hängt weniger mit seiner Person, als mit seiner Herkunft zusammen. In Namibia wählen die Leute traditionell nach ihrer Herkunft, nicht nach ihrer Überzeugung. Die SWAPO wird als Partei der Ovambo angesehen. Da die Ovambo die größte Bevölkerungsgruppe sind, hat die SWAPO bisher jede Wahl gewonnen. Hage Geingob, der Präsident der SWAPO, gehört aber nicht DEN Ovambo, sondern den Damara an. Ein Ovambo hat mir erklärt, er wähle Hage, damit niemand sagen kann, dass die Ovambo das Land regieren würden. 

Anstelle von Argumenten gab es unglaubliche Verehrung des Präsidenten der SWAPO und von Namibia, Hage Geingob. In einer Rede wurde er sogar beschrieben, als ein direkt von Gott gesandter Anführer, der dem namibianischen Volke von Gott geschenkt wurde. Da so sich so ziemlich alle Ovambo zum Christentum bekennen, legitimiert dieses Anpreisung alle Handlungen des Präsidenten.

Es kam mir ein wenig so vor als ob man selbst dran Schuld sein müsste, wenn man mit Hage nicht ganz zufrieden ist. Denn er ist ja von Gott gesandt und macht somit alles richtig. Der SWAPO wird die Unabhängigkeit Namibias angerechnet und so werden die höheren Mitglieder noch immer als Befreier und Kriegshelden verehrt. Die beiden vorherigen Präsidenten sowie Hage Geingob genießen demnach sehr hohes Ansehen bei den Ovambo. Aus mir unerklärlichen Gründen werden diese unreflektiert angehimmelt und alle seine Taten gutgehießen. 

Angesichts von vielen Korruptionsvorfällen in der Regierung sowie der Partei, kann man aber wohl sagen, irgendwas läuft nicht perfekt. Alle in diesem Land sind sich diesen Problemen bewusst. Korruption kommt hier häufig ans Tageslicht. Nur wird nicht konsequent dagegen nachgegangen. Auch in den Augen vieler Namibianer könnte der Präsident dagegen mehr tun. Macht Hage aber nicht, im Gegenteil, es gibt nachgewiesene Fälle, in denen korrupte Minister solange gedeckt wurden, bis eine Entlassung unumgänglich wurde. Die Bevölkerung ist sehr unzufrieden mit der Korruption der Regierung,  der Präsident wird trotzdem verehrt. 

Diese Korruption gibt es schon seit der Staatsgründung 1990. Aus „Sicherheitsgründen“ haben vorige Präsidenten aber wohl einige Kritiker verschwinden lassen. Dementsprechend gab es nicht ganz so viel Kritik. Unterm amtierenden Präsidenten passiert das wohl nicht mehr. Zumindest gab es bei dieser Wahl einen Gegenkandidaten. Es gab auch früher den ein oder anderen Bewerber für das Amt des Präsidenten, das besondere dieses Jahr ist, dieser Gegenkandidat ist ein Ovambo und auch in der SWAPO. Er vertritt Ovambo, die mit der Arbeit von Hage als Präsident nicht einverstanden ist. 

Er hatte ein Wahlslogan: „Namibia is all we have. It’s not for sale.“ 

Er kritisiert auch, wie viele andere, dass die Mitglieder der Partei nicht demokratisch den Präsidentschaftskandidaten der Partei auswählen, sondern das eine kleine Gruppe der Anführer der SWAPO unter sich ausmachen. 

Gewonnen hat er zwar nicht, aber ich wette, dass es aufgrund seiner Argumente und der Zustimmung von vielen Wählern auch bei der SWAPO demnächst vieles verändern wird. Vor ein paar Jahren wurde die Demokratie in  Namibia von verschiedenen Instituten noch als „mangelhaft“ beschrieben. Es wurde eingestuft als eine Demokratie, die förmlich eine Demokratie ist, doch aufgrund der Umstände eigentlich nicht die Werte der Demokratie zu der Bevölkerung bringt. Ich glaube Namibia steht erst am Anfang davon, Demokratie wirklich zu verstehen und zu leben. Und es bleibt spannend, die Entwicklung weiterzuverfolgen. 

Alle nachgeschlagen Informationen beziehe ganz professionell von Wikipedia. 🙂