Hui, ist hier viel los…

Schalom, ich melde mich auch mal wieder, ich hinke mit dem Erzählen echt hinterher und dachte, ich verschaffe euch mal einen Überblick, was ich hier eigentlich so mache.Erstmal zu meiner Arbeit hier. Vier Tage die Woche bin ich im Kiga (30 Kinder von 3-6) und das mache ich da:

  • Spielen. Bauklötze, Stoffbälle, Kordeln, Holztiere, Stoffpuppen, Eichelhüte, Tücher, Muscheln usw, im Waldorf-Kiga gibt es echt tolles Spielzeug. Mein Favorit ist ein Steckenpferd (oder wie man Pferd am Stiel sonst nennt), aber mit Kamelkopf oder die Knoblauchpresse im Sandkasten. Die Tücher werden häufig als Kopftücher gebunden – ob auf jüdische oder welche muslimische Art man es haben möchte, wird vorher gefragt. Außerdem sind wir Erwachsenen begehrte Krankenhauspatienten, wo zeitgleich zehn Kinder einen mit Creme, Pflaster, Decke, Essen, Streicheleinheiten und Liedern versorgen, sehr niedlich!
  • Kneten, flechten und malen. Jeden Tag gibt es verschiedene Tische, an denen die Kinder kreativ werden können und ich natürlich auch. Am 1. Advent habe ich eine Krippe geknetet, das kennen die Kinder nicht, sie sind ja keine Christen, also musste ich beantworten was das ist – ohne die Wörter „Krippe“, „Weihnachten“, „Geburt“ und „Stall“ auf Hebräisch zu kennen beantworten. Ich bin Tabu-Profi wenn ich wiederkomme.
  • Singen. Die Kinder sollen Musik um sich haben, also singen wir immer mit ihnen oder für sie. Von meiner Seite gibt es gerade deutsche Weihnachtslieder, „Alle Jahre wieder“ und „Maria durch ein Dornwald ging“ kommen am besten an, die ersten Kinder summen sogar mit.
  • Lernen und zwar Unmengen!! Einmal natürlich Hebräisch (mein Alltagsvokabular ist inzwischen echt brauchbar), dann ein paar Brocken Arabisch (wir sind ein bilingualer Kiga und die kleinen Araber sprechen auch noch nicht viel Hebräisch), viele Lieder mit schönen Melodien und Texten, die von den Traditionen hier erzählen, und natürlich Waldorferziehung.
  • Haushalten. Die einzigen Arbeitskräfte sind die Erzieherinnen, also gehört auch fegen, wischen, kochen, abwaschen und Obst schneiden dazu. Momentan sind sämtliche Zitrusfrüchte von Blutorange bis Pomelo und auch Erdbeeren reif, verrückt, oder? Bei Früchten wie Guave, Khaki und Annona musste ich mir anfangs erstmal erklären lassen, wie ich das aufschneide.
  • Lieben. Oft kommen Kinder einfach an, wollen in den Arm genommen werden, setzen oder legen sich einem in den Schoß, geben einem Wangen- und Handküsschen und da muss einem einfach das Herz aufgehen!
  • Kaffee trinken, arabischer Kaffee ist einfach ein Traum.
  • Scherzen. Die Erzieherinnen sind so lieb, die habe ich total gerne, mit denen kann man erzählen, Witze machen, sich in den Arm nehmen, singen, einfach alles.

Zum Kiga gehört auch eine Krippe, in der ich neuerdings einmal wöchentlich bin. Da gibt es nicht allzu viel zu tun, also habe ich die Rumpelkammer aufgeräumt, mir vom Erzieher arabische Lieder beibringen lassen und ein erst weinendes und dann schnarchendes Kind auf dem Schoß gehabt, das war so süß!!Im Herbst hatten wir ein gemeinsames Fest von Kiga und Krippe. Man nehme ein warmes Land, ein paar große Matten im Schatten der Bäume, setze dort lauter liebe, anthroposophische Familien mit Liederzetteln und einen Gitarristen drauf und schon hat man ein Bild vom Anfang der Veranstaltung.1,5 Stunden nach offiziellem Beginn sind genug Leute da, dass die Erzieherinnen mit ihrem Theaterstück anfangen, das von mir professionell mit Minixylophon und Blockflöte begeleitet wird – ja, ihr dürft lachen, musste ich ja selber auch. Danach gibt es Bastelein für die Kinder, ich unterhalte mich mit den Eltern und Großeltern, was neben mehreren Einladungen und Babysitteranfragen auch dazu führt, dass ich Besitzerin eines hebräischen Kinderliederbuchs werde. Zu essen gibt es neben dem üppigen Mitbring-Buffett die israelische Variante von Stockbrot: wir legen eine Art umgedrehten Wok aufs Lagerfeuer und backen darauf Pita.Um die ganze Altersspanne vollzukriegen, arbeite ich einmal wöchentlich im Seniorentagestreff. Dort kann ich mir meine Aufgaben suchen, also bin ich neben der Küche viel mit dem Hausmeister unterwegs und besuche einen Hebräischkurs gemeinsam mit fünf hochbetagten, netten Russinnen.So viel zur Arbeit, nun zum Sozialleben:
Der Sprachkurs mit den anderen Deutschen ist bisher nicht so ergiebig, dazu lerne ich im Alltag zu viel, aber nette Leute dort zu treffen ist immer schön.
Inzwischen war ich schon bei mehreren Kindergarten-Familien zuhause, die mich total lieb in ihren Familienalltag aufgenommen haben, mehrfache Umarmungen, Küsschen rechts und links, schöne Gespräche, süßes Spielen mit den Kindern und leckeres, vegetarisches Essen (Tivon ist DAS Waldorfnest Israels, ein Paradies) inklusive, das ist einfach was fürs Herz!
Außerdem war ich ein ganzes WE lang mit bei einer Erzieherin zuhause. Sie ist Beduinin (wie die meisten arabischsprachigen Leute in unserer Umgebung), hat ihre Kinder bilingual erzogen, wohnt in einem Traumhaus, das sie als Architektin selbst entworfen hat, drum herum befindet sich die irdische Version des Garten Edens, neben sämtlichen Zitrusfrüchten stehen dort auch Palmen, sodass ich mit der kleinen Tochter eine Bananensamenschote aufbreche, sehr spannend. Außerdem gab es ein Sonnenuntergangs-Picknick im Olivenhain mit unterwegs gepflückter Orange und Muezzingesang und Fahrten nach Haifa und Nazareth in die Basilika der Verkündigung, schön war’s!Eine Küchenfrau aus Shalhevet hat mich für jeden Donnerstag eingeladen und die erfüllen zahlreiche Araber-Klischees: Großfamilie, typische Namen, Herzlichkeit verpackt in rauem Ton, wenig Englischkentnisse, Videoanrufe bei allen Verwandten, schickes Haus, bergeweise leckeres Essen von Plastiktellern und Gastfreundschaft. Da gehöre ich schon richtig dazu und das ist echt schön.Ansonsten gehe ich spazieren, besonders jetzt, da es auch hier endlich kälter und regnerischer wird, man die Luft also ausnahmsweise atmen kann, erzähle mit meiner Gastmama, spiele mit ihrer Tochter und ihrem Enkel, habe bei 25 Grad Plätzchen gebacken (und die Margarine dafür zum Weichwerden in die Sonne gelegt) und einen Adventskranz mit Zweigen und Blumen gebunden, Tannen waren unauffindbar. Mit meiner Gastfamilie und zwei Freundinnen haben wir bei uns ein schönes Adventskaffee veranstaltet, was besonders deswegen so süß war, weil denen der erste Advent natürlich nichts bedeutet, sie aber für mich einen richtigen Feiertag daraus gemacht haben und ganz gespannt waren.Nächste Woche ist wieder viel los, da backen wir im Kiga Weihnachtskekse, feiern mit den Eltern zusammen Chanukka (Lichterfest) und Katharina kommt zu mir, da freue ich mich sehr drauf!
Von Jerusalem erzähle ich wann anders, das sprengt sonst den Rahmen.
Ihr merkt es schon, ich bin angekommen und fühle mich richtig wohl hier, richtig glücklich.

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