21 Tage Stillstand

21 Tage – so lange hielt der Generalstreik, oder hier „paro indefinido“ genannt, an.

Nachdem Evo Morales sich zum Wahlsieger der Präsidentschaftswahl ernannt hatte, kam es überall im Land zu starken Demonstrationen mit Auseinandersetzungen. Die Menschen warfen Evo Morales Wahlbetrug vor und forderten seinen Rücktritt. Um das zu erreichen, wurden im ganzen Land die Hauptverkehrsstraßen in den Städten blockiert. Dadurch fuhren keine Micros oder Trufis mehr. Auch Autos musste man lange suchen. Auf einmal hatte jeder aus der Stadt ein Motorrad oder Fahrrad, mit denen man als einziges noch an den Blockaden vorbei kam. Alternativ musste man halt zu Fuß gehen. Das ist jedoch gar nicht so angenehm, wenn man wie wir sehr weit außerhalb wohnt und bei 30 Grad im Schatten 2 Stunden bis in das Stadtzentrum braucht.

Mit der tarijenischen Fahne und allem, was man so findet, werden die Straßen gesperrt

Durch den fehlenden Verkehr und die nicht ganz einfache Lage durften wir auch nicht arbeiten. So kam es, dass wir die meiste Zeit in unserem Haus verbrachten und irgendwie versucht haben, uns die Zeit zu vertreiben. Unseren Einkauf erledigten wir bei den Tiendas in unserer Nähe und manchmal füllte der Ausflug in die Stadt auch einen ganzen Tag. Dabei musste man nur aufpassen, dass man nicht aus Versehen in eine spontane Demonstration gerät. Das hieß, dass man schnell das Weite gesucht hat, sobald man größere Menschenansammlungen oder Polizisten mit Tränengas gesehen hat. Ausflüge waren leider auch nicht möglich. So waren alle Tage immer irgendwie ähnlich.

Die Menschen demonstrierten für die Demokratie

Ein Highlight an jedem Tag stellte immer unser Tanzkurs am Abend da. Zu dem sind wir trotz fehlendem Verkehr jeden Tag immer irgendwie hingekommen. Das war in der anhaltenden Langeweile immer ein Lichtpunkt.

Zwischendurch gab es auch einige wiederkehrende Tiefpunkte, da immer wieder ein möglicher Abbruch im Raum stand. Außerdem herrschte eine andauernde Ungewißheit vor, wie lange der Paro noch gehen würde, ob wir überhaupt wieder arbeiten könnten, wie sich die politische Situation verändern würde und ob wir doch vorzeitig nach Hause müssten. Manchmal half dann doch nur noch Schokolade. Anfangs war es noch interessant, zu sehen, wie sich die Leute für die Demokratie in ihrem Land einsetzten, doch nach 3-4 Tagen war dieses Interesse dann auch verschwunden.

Unsere Situation verbesserte sich deutlich, als wir anfingen auf einem Bauernhof, 5 Minuten von unserem Haus entfernt, zu arbeiten. Diese Arbeit gab unseren Tagen wieder einen Sinn und wir hatten wieder was zu tun. Bei dem Bauernhof handelt es sich um eine Art Schulbauernhof, den Schulklassen oder Kindergartengruppen besuchen und viel über die Tiere dort lernen können. Wir haben bei allem möglichem geholfen, wie zum Beispiel Ställe ausmisten oder beim Füttern oder auch dabei, die Kinder über den Bauernhof zu führen. Diese Arbeit hat uns sehr gut gefallen.

Zwei Wochen nach der Wahl wurde der Streik nochmal verstärkt. Evo Morales weigerte sich weiterhin zurückzutreten. Daraufhin forderte der Anführer der Widerstandsbewegung die Menschen dazu auf, den Paro zu radikalisieren. Es sollten lediglich die Flughäfen und die medizinische Versorgung von dem Streik ausgenommen werden. Wir wurden aufgefordert, genügend einzukaufen, da damit zu rechnen war, dass es zu einer Lebensmittelknappheit kommen könnte. Diese ist jedoch glücklicherweise nicht eingetreten.

Die Radikalisierung hatte vorher Wirkung gezeigt. Am Sonntag, den 10. November ist Evo Morales dann endgültig zurückgetreten. Nachdem sich zuvor sowohl Militär und Polizei gegen ihn gestellt hatten, fühlte er sich auch nicht mehr sicher im Land, da sein Haus und seine Familie mehrfach Opfer von Angriffen wurden. Aus diesem Grund hat er daraufhin in Mexico Asyl gesucht. Dennoch plant er zurück zu kommen.

Nach Morales Rücktritt gehen die Menschen in Tarija auf den Platz vor dem Rathaus, um zu feiern

Dass die Situation mit seinem Rücktritt längst nicht beruhigt ist, zeigt auch die Entwicklung in La Paz und Cochabamba. Während die Menschen hier in Tarija am Sonntagabend auf die Straßen gegangen sind, um ihren Triumph zu feiern, hat sich die Situation in La Paz und Cochabamba verschlechtert. Dort leben vor allem Anhänger von Morales. Diese gingen wiederum gegen die Polizei und das Militär auf die Straße und warfen ihnen einen Putsch vor. Diese Proteste verliefen alles andere als friedlich. Mehrere Menschen starben. Diese Entwicklung stand im kompletten Gegensatz zu unserer Situation hier in Tarija, wo alles wieder normal schien.

Seit drei Wochen dürfen wir nun wieder arbeiten. Dabei haben wir auch unser neues Projekt für den Vormittag begonnen. Was ich da so mache, werde ich euch in meinem nächsten Beitrag erklären. Bis dahin:

¡Hasta luego!