99 Düsenflieger

Ich hatte schon länger einen Eintrag über die Lage in Israel geplant, nach den Nachrichten von heute ist seine Zeit wohl gekommen.

Schon an meinem zweiten Tag hier, ich war alleine zuhause, sind direkt über unser Haus zahlreiche Militärflugzeuge gedonnert, ich hatte natürlich keine Ahnung was los ist und ziemliche Angst. Da wusste ich noch nicht, dass ganz bei uns in der Nähe ein Militärflughafen ist und 2-3 mal pro Woche eine Übung stattfindet. Auch mit dem Wissen bleibt es sehr unheimlich für mich, ich ziehe automatisch den Kopf ein und suche danach den Himmel ab. Dazu kommt, dass es nicht immer nur Übungen sind, seit ich hier bin ist es mehrfach schon zu Zwischenfällen gekommen, gerade vor 1,5 Wochen wurden wieder Häuser im Gaza-Streifen zerstört. Und in dem Moment selbst weiß man ja nicht, was die Flugzeuge machen.

Am Anfang meiner Zeit hier, zwei Tage nach einem Luftangriff, habe ich mit den Kindern im Kindergarten eine große Bauklotzstadt gebaut, wir waren gerade fertig, da hat ein Kind herausgefunden, wie man Bausteine katapultieren kann. Und dann saßen sie da, die kleinen Kinder, und haben mit Steinen unsere Stadt zertrümmert, während über uns Flugzeuge geflogen sind, die sowas in echt machen. Da wurde mir schon ziemlich flau.

Ansonsten ist die Militärpräsenz in Tivon quasi inexistent. Das ändert sich aber, wenn man z.B. nach Haifa fährt. Am Bus- & Zugzentrum dort wird einem die Tasche kontrolliert, man läuft durch einen Detektor, wie man ihn aus dem Flughafen kennt und im Zug sitzen lauter bewaffnete Soldaten, das ist schon etwas komisch, wenn man das nicht kennt.

Jetzt, wo ich so nah dran bin, lesen sich auch Nachrichten teilweise ganz anders. Die türkische Offensive in Syrien wirkt noch heftiger mit dem Gedanken, schon an der Grenze zu Syrien gestanden haben. Es ist auf einmal so nah, fast greifbar.

Und wer heute Nachrichten gelesen hat, weiß, dass es manchmal noch näher dran ist:
Letzte Nacht wurde der Anführer der „Islamischen Djihadisten“ in Gaza gezielt durch einen israelischen Raketenangriff getötet. Daraufhin wurden aus Gaza im Laufe des Tages über 150 Raketen auf Israel abgefeuert, 60 wurden abgefangen, der Rest ist teilweise in Häuser und Schnellstraßen eingeschlagen, laut Tagesschau gibt es 40 Verletzte. Daher ist in der südliche Landeshälfte die „Sondersituation“ ausgerufen, die Schule fällt aus, man soll sich drinnen aufhalten, es gibt weder Züge noch Busse und natürlich immer wieder Sirenen.
Haghit hat mir mehrfach gesagt, dass wir hier im Norden sicher sind, aber Israel ist klein, von Tel Aviv trennen uns keine 80 km, und dass sie mir dann erklärt hat, wie ich mich bei Sirenenalarm zu verhalten habe, war zwar sinnvoll, aber nicht gerade beruhigend. Spätestens als ich beim tagesschau-Video aus Tel Aviv den Ort wiedererkannt habe, war meine Ruhe dahin.
Die Israelis sind solche Spannungen gewöhnt und sehen das lockerer, heute ist ein Tag wie jeder andere, hier im Norden ist alles ruhig, es kursieren makabere Witze und Morin, Haghits Tochter, sagt mir: Siehst du was? Nein. Hörst du was? Nein. Und selbst wenn, es sind ja nicht mal Bomben, sondern nur Raketen. Die Kleinen. Entspann dich.
Na wenn das so ist, nur Raketen, da entspanne ich mich ja wie von selbst…
Nur ein Mann, den ich mit „Schalom“ begrüße (was ja „Frieden“ heißt, aber auch als Gruß verwendet wird), reagiert mit: „Welcher Frieden?“ und geht weiter. Während ich dank Känguru sofort an Le Ducto denke, frage ich mich: Ja, welcher Frieden? Der, den ich mir wünsche, jetzt ganz besonders.

Ein Gedanke zu “99 Düsenflieger

  1. Liebe Johanna, das erste Mal, daß Dir Krieg und Kampf naherücken!! Wie magst Du mit diesen Erfahrungen (die in uns Alten ja unbewußt immer noch schlummern) umgehen? Gewiß hast Du Austausch mit den Menschen, die schon Jahrzehnte unter diesen Bedingungen leben müssen. Es wird so klar,wie existenziell wichtig der Einsatz für und das „vorleben“ von Toleranz für uns alle an jedem Ort ist.
    Bleib‘ behütet. Deine Brigitte

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