Timeout, turnaways, proper British twang

Bevor ich richtig anfange: der Absatz, der mit „momentan ist leider auch ganz schön viel los“ beginnt, behandelt sex work, Vergewaltigung und selbstverletzendes Verhalten, sowie Drogen- und Alkoholmissbrauch und häusliche Gewalt. Nichts grafisches, aber ich wollte es vorher erwähnen.

„So, how do you like it so far?“ „The place or working at Streetlife?“ „Oh… Both I guess. No, the place.“ Nachdem ich diese Konversation 2 Monate lang gefühlt zwei Mal am Tag (mindestens) geführt habe, kann ich ganz klar sagen: Blackpool ist erstmal kein besonders schöner Ort. Es riecht wirklich überall nach Frittenfett (Philine und ich haben einen wirklich schönen Ausflug zum Strand gemacht. Es war Ebbe, also konnten wir auch richtig schön weit raus gehen. Als wir etwa einen halben Kilometer von der Promenade weg über den Sand gelaufen sind, hat es leider immernoch nach Frittenfett und nicht nach Salzwasser gerochen) und irgendwie gibt es hier keine Bäume. Oder sonstige Pflanzen. Abgesehen von dem, was halt so in den Ritzen wuchert, um die sich keiner kümmert. Die vorherrschende Farbe ist grau und selbst wenn es richtig sonnig wird, sieht alles irgendwie trostlos aus, wenn man genauer hinguckt.

Es sei denn, man geht Mal in eine andere Richtung.

Zwei Monate lang habe ich die gleichen 5 Orte gesehen: das House, das Shelter, die Base, Sainsbury’s (Supermarkt unseres Vertrauens und glücklicherweise in Sichtweite unseres Arbeitsplatzes) und dann eben ab und zu die Innenstadt. Vor ein paar Wochen hab ich allerdings meine Mentors kennengelernt, also die Leute, die den Streetlife volunteers ein bisschen Abwechslung zeigen sollen. Die Mentors sind da, um uns Mal ein bisschen aus dem Arbeitsalltag rauszuholen und uns ein Stück Familienleben zu geben. Bei mir ist das ein sehr nettes Ehepaar, die mich letzte Woche zum Sunday lunch eingeladen haben (ich hab das ganze nur leider etwas falsch verstanden und war völlig overdressed) und mich danach zu einem Spaziergang mitgenommen haben. Alleine würde ich da bestimmt nicht mehr hin finden, aber ich weiss, dass wir noch innerhalb Blackpools waren. Und da war es wirklich schön. Es war grün (was mir wirklich unheimlich fehlt) und es hat zwar nicht nach Meer gerochen, aber immerhin auch nicht mehr nach Frittenfett. Eine deutliche Verbesserung. Achtung, schlechte Überleitung! Nachdem ich von der ganzen Familie Komplimente für mein tolles Englisch gekriegt habe (mein Ego rollt sich immernoch ultra zufrieden darin herum) hat mir der Sohn der beiden sogar mitgeteilt, dass ich „proper British twang“ in meiner Aussprache habe.

Ja, so ahnungslos hab ich auch zuerst geguckt (und mich natürlich ganz artig bedankt). Die Briten klicken ihre Konsonanten. Nicht alle, aber besonders am Ende des Wortes kommt das k ganz tief aus dem Rachen und das t direkt hinter den Zähnen. Beim p ist mir das noch nicht so viel aufgefallen. Aber da machen sie es bestimmt auch. Naja, und das ist eben proper British twang. Ausserdem hat unser kitchen volunteer gesagt, dass mein Englisch besser geworden ist. Jaja, alles gut für mein Ego. Immer her damit.

„Yeah, I understand. It really isn’t too pretty, I suppose.“ An sich ist es hier nicht groß anders als in einer x-beliebigen deutschen Stadt. Bei uns wird einfach ein bisschen mehr investiert. Das einzige was mir wirklich richtig fehlt, sind Bäume, Pflanzen, Wälder. Die echten Hössener wird das nicht wundern, aber für alle anderen: ich wohne wirklich mitten im Wald. Mein Dorf hat stolze 588 Einwohner (ich hab extra noch mal nachgeguckt) und ist, je nach Richtung, von 2 bis 30km Wald umgeben. Ich bin schon traurig, dass ich den Herbst, meine Lieblingsjahreszeit, jetzt verpasse.

„But it sounds like you’re getting along with the other people quite well. I’m glad to hear it.“ Die anderen Mitarbeiter sind wirklich nett. Ich brauche ja nun Mal immer ein bisschen Zeit zum auftauen, aber das Arbeitsklima ist gut und die Leute sind freundlich und (was eine Überraschung) hilfsbereit. Natürlich gibt es immer die, die man lieber mag, und mit denen man lieber zusammen arbeitet, aber es ist niemand hier, bei dem ich sagen muss „ich weigere mich, mit dieser Person zu arbeiten“. Und man muss sie ja auch alle nicht heiraten.

„That all sounds pretty good. Now, how about the work? You’ve been here for a bit now, I’m sure you’ve got a pretty good idea of how it goes now.“ (An dieser Stelle noch Mal der Querverweis zu Philines Blog. Sie hat die Eckdaten deutlich gründlicher zusammengestellt als ich da jemals Geduld zu haben werde). Die Arbeit ist einfach Mal so, Mal so. Es gibt gute Tage, wenn man alle rein lassen kann, ein bisschen Karten spielt, smoke breaks macht und alle um 11:30 im Bett hat. Aber es gibt auch ganz andere Tage. Da man ja immer am liebsten die Gruselgeschichten erzählt, hier einmal meine: vor ein paar Wochen hat um Viertel vor 11 ein Fremder an der Tür geklingelt. Wir sind runtergegangen, haben die Tür aufgemacht, und hatten sofort einen Joint unter der Nase. Streetlife verbietet Drogen auf dem Gelände, also habe ich sofort nein gesagt und versucht, mich mit dem jungen Mann zu unterhalten. Der hatte allerdings nicht allzu viel Interesse an Konversation und hat mit der Glasflasche in seiner anderen Hand ausgeholt und auf meinen Kopf gezielt. Meine Kollegin war dann glücklicherweise etwas geistesgegenwärtiger als ich und hat einfach die Tür zu gemacht. Das fand er nicht so witzig und hat erst seine Flasche gegen die Tür geworfen und dann angefangen, das Glas einzutreten und Steine dagegen zu werfen. Wir haben die Polizei gerufen, das Glas ist inzwischen ersetzt und er hat mich ja ganz offensichtlich nicht getroffen (ich kann ja noch Blogeinträge schreiben), aber solche Tage machen natürlich eher weniger Spaß.

Momentan ist leider auch ganz schön viel los, was bedeutet, dass wir eigentlich jeden Abend jemanden wegschicken müssen. Wenn das eine Person ist, ist das blöd, bei zwei schon ziemlich schwierig, aber wenn das wie letzte Nacht 4 sind… Nicht schön. Wenn so viele Leute da sind, ist natürlich auch die Stimmung gereizter und besonders die, die wir öfter wegschicken müssen, sind unzufrieden. Manchmal sind auch die, die reinkommen unzufrieden, weil sie das Gefühl haben, dass wir keine faire Auswahl getroffen haben. Wenn dann auch noch einige von den schwierigeren Persönlichkeiten da sind, kann all das natürlich schnell dazu führen, dass die Gemüter umschlagen. Gerade heute morgen mussten wir erst zwei YP timeouts erteilen, was auch nicht unbedingt die einfachste Aufgabe ist. Die meisten service users haben nicht unbedingt den besten Hintergrund und gerade die junge Frauen kommen oft aus unfreiwilligem sex work und sie wissen auch alle genau, wie sie diese Karte auszuspielen haben. Das klingt jetzt ziemlich herzlos, aber wenn man jemandem sagt „tut mir leid, aber du kannst die nächsten 3 Tage nicht reinkommen, weil du im Badezimmer geraucht hast“ und die Person dan vor einem steht und sagt „also willst du, dass ich die nächsten drei Tage wieder von den alten Männern vergewaltigt werde? Ich kann sonst nirgendwo hin.“ versuchen sie, na klar, zum Teil auch einfach an das schlechte Gewissen der Mitarbeiter zu appellieren. Das haben wir dann natürlich auch. Ich bin allerdings immernoch erstaunt, wie schnell man gegenüber den ganzen schlimmen Sachen, die mit Armut, fehlendem Familienrückhalt und Perspektivlosigkeit einhergehen, abstumpft. Viele der Young people kommen mit einem ganz großen Päckchen: aber andauernder Drogen- und Alkoholmissbrauch irritiert mich nicht mehr. Die vielen Narben, die ganz eindeutig mit Absicht entstanden sind, sehe ich gar nicht mehr. Geschichten von häuslicher Gewalt schocken mich nicht. Ich finde all diese Sachen immernoch schlimm, aber es überrascht mich nicht mehr. Was ich davon halten soll, weiss ich noch nicht genau, aber ich glaube, das ist zum Teil auch Selbstschutz. Ich hab bei Fack Ju Goethe angefangen zu weinen. Ist vielleicht besser so, wie es jetzt gerade ist.

Das klingt jetzt alles ganz schlimm. Ist es aber im gelebten Alltag eigentlich nicht. Meistens haben alle ganz gute Laune, wir spielen Karten (manchmal sogar Schach) sitzen alle zusammen am Tisch. Die guten Tage ergeben einfach keine spannenden Geschichten.

Bei mir stehen aber persönlich gute Tage an! Bald bekomme ich meinen ersten Besuch, darauf freue ich mich schon sehr. Ein ganzer Haufen Geburtstage (meiner eingeschlossen) rückt in greifbare Nähe und es sind auch nur noch 2 Monate, bis wir ein bisschen Urlaub vom ganzen grau kriegen und nach Tansania fliegen.

„It really seems like you’re enjoying your time here“ Meine englischen Gesprächspartner kriegen natürlich nicht ganz so ausführliche Antworten (nicht dass irgendwer Zeit und Lust darauf hätte) aber meistens kommen sie zu dem Schluss. Das tue ich bisher auch. Es ist zwar alles ein bisschen anders als erwartet, aber so langsam bin ich angekommen, glaub ich.

„Are you homesick at all?“, hat mich gestern einer gefragt. Ein bisschen natürlich. Das bleibt gar nicht aus. Aber es ist alles im erträglichen Rahmen. Jetzt gerade brauch ich aber einfach mal ein richtiges Wochenende, glaub ich.

„Well, it’s been lovely but I gotta run now. Take care!“ You too.