In the bubble

Für mich war von Anfang an klar, dass ich in Israel auch herumreisen und das Land erkunden will. Da eine Lehrerin vom Internat, in dem ich letztes Jahr FSJ gemacht habe, zum Urlaub in Tel Aviv ist, ist auch klar wann und wohin. Die Uhrzeit ist nicht klar. Hier in Israel läuft das irgendwie entspannter und nachdem ich am Vortag geguckt habe, dass es ab und an mal eine Verbindung gibt, weiß ich, ich komme schon an, und kümmere mich nicht mehr weiter darum. Wäre auch verschenkte Zeit gewesen, denn dank einer spontanen Mitfahrgelegenheit bei Haghits Geigenfreundin Dina komme ich gratis und mit guter Unterhaltung nach Tel Aviv. Dina hat auch in Deutschland gelebt, vermisst hier genau wie ich Leute, die nicht nur ankündigen und planen, sondern dann auch machen (Härtefall Haghit), vernünftige Wälder und Umweltschutz. Mülltrennung, Pfandsystem oder einen Preis für Plastiktüten gibt es nicht, Müll in allen Beeten, auf dem Gehweg und am Straßenrand ist alltäglich und neulich habe ich eine Frau gesehen, die ihren Großeinkauf allen Ernstes in 20 Plastiktüten weggetragen hat. Da mal wieder mit einer Gleichgesinnten zu reden, ist sehr schön! Dina fährt zu einer offenen Irish Music Session, jeder bringt sein Instrument mit und losgeht’s und so sitze ich kurz danach mit einer netten, frisch kennengelernten Familie am Tisch eines ausgesprochen kultigen Irish Pubs und höre den 15 Musikern zu.
Dann mache ich mich an der Promenade lang auf den Weg zum Hostel. Dabei verstehe ich, warum Tel Aviv mir vorher immer als „bubble“ beschrieben wurde: Hier kommt es einem nicht mehr vor wie Israel, alles ist einfach gemischt. Bauhaus, gewöhnliche Häuser, uralte Bauten, von den Balkonen hängen neben Israel- auch mal Regenbogenfahnen, die ersten Leute, die mir begegnen, sind ein orthodoxer Jude mit Schläfenlocken, eine seehr leicht bekleidete Teenagerin, eine aufgebrezelte Frau und ein Junge in Badehose. Barfuß mit Aladdin-Hose und Wanderrucksack falle ich überhaupt nicht auf. Der Strand ist voll, immer wieder komme ich an Straßenmusikern vorbei und würde ich mich nicht auf Katrin freuen, könnte ich stundenlang einfach hier sitzen bleiben und die Leute beobachten. Als ich in das Viertel vom Hostel komme, merke ich das sofort: Florentin ist DAS Street Art Viertel Tel Avivs und das sieht man jeder einzelnen Wand an, Wahnsinn!

Im Hostel (siehe Foto) sind außer Katrin noch eine andere Deutsche und zwei Israelis. Einer hat schon traditionell gekocht, also essen wir auch, wie sich das gehört, ohne Besteck, sondern benutzen Brot als „Zange“, sitzen dabei aus Mangel an Stühlen auf dem Boden und würde ich mich nicht schon da wohlfühlen, dann spätestens als wir auf dem Balkon sitzen, erzählen und Backgammon spielen. Später unternehmen wir einen nächtlichen Spaziergang, schauen durchs Fenster in sämtliche Kunstateliers rein, gehen am Strand lang zur Altstadt von Jaffo, lauschen dem Meer, essen Falafel und sind bis in den frühen Morgen unterwegs, es ist einfach wunderbar.

Unser Schlafrhythmus scheint sich sehr zu ähneln, denn ohne jede Verabredung treffen wir uns am nächsten Morgen in der Küche und brechen zu viert zum Sightseeing auf. Dank Schabat gibt es heute keine Busse und Tel Aviv ist riesig, aber zum Glück kann man hier sehr günstig Taxi fahren, also kommen wir ins Bauhausviertel, laufen an zahlreichen wahnsinnigen Bauten, dem Kunstmuseum und einem riesigen Militärstützpunkt vorbei, sehen an der Stadthalle das Holocaust-Denkmal und die Stelle, an der Yitzhak Rabin ermordet wurde, nachdem er als ehemaliger Premierminister 1994 zusammen mit Schimon Peres (damals Außenminister) und Safir Arafat (Chef der palästinensischen Autonomiebehörde) den Friedensnobelpreis für die Annäherung im Nahostkonflinkt erhalten hatte. Wahnsinn, wie viele verschiedene Zeiten hier präsent sind, denke ich, während wir vorbei an H&M und C&A in die Altstadt Jaffos fahren, wo wir mit dem Hostelbesitzer und allen Hostelgästen zusammen essen gehen. Ja, es ist ein kleines Hostel:

Während die sonstigen Lebenshaltungskosten in Israel extrem hoch sind, sind Restaurants vergleichsweise verkraftbar, erst Recht wenn man bedenkt, dass schon vor dem Bestellen der Tisch unter Fladen und 20 verschiedenen Salaten, Gemüse, Falafel und Dips in jeweils doppelter Ausführung begraben ist und man anschließend noch Kaffee und Gebäck bekommt, so macht Essen gehen richtig Spaß.

Abends gehen wir noch zu dritt im Meer schwimmen, zur eine Seite sehen wir die Hochhäuser von Tel Aviv, zur anderen die Altbauten Jaffos, hinter uns die Palmen, der Strand leert sich langsam, der Himmel ist vom Sonnenuntergang noch ganz rot, von der Moschee singt der Muezzin… Es ist fast zu schön, um wahr zu sein!

Katrin fährt nachts, also habe ich noch einen Tag für mich. Ich will in die Altstadt, ua weil ich weiß, dass es da eine Kirche gibt und ich wirklich gerne mal wieder in eine reingehen möchte, praktischerweise ist Sonntag, also mache ich mich auf gut Glück mal auf den Weg. Und ihr ahnt gar nicht, wie viel Glück man haben kann: Ich entdecke schon unterwegs zufällig eine Kirche, folge den Orgelklängen ins Innere, komme fünf vor Abendmahl in einen Gottesdienst dazu, der sogar auf Englisch ist, und stutzig davon, dass mir alles sehr vertraut vorkommt -von siebenarmigem Leuchter und Abwesenheit eines Kruzifixes abgesehen-, obwohl die Christen hier überwiegend katholisch oder evangelikal sind, lese ich beim Rausgehen auf dem Schild, dass es sich um eine lutherische Gemeinde handelt. Um das Ausmaß meines Glücks zu verstehen, solltet ihr wissen, dass laut meiner Recherche sagenhafte 0,03% der Israelis Lutheraner sind. Danach lasse ich mich treiben und obwohl ich eigentlich kein Städtetyp bin, genieße ich es sehr, an jeder Kreuzung der schöneren Kunst oder meiner Nase folgend durch Straßen, in Ateliers und über Märkte zu flanieren. In einem verwinkelten, überdachten Markt, der mich sofort an eine Filmkulisse erinnert, werden in lauter kleinen Nischen Antiquitäten, Kleidung, Tücher und Lampen in allen Variationen angeboten. Ich beschließe, mir eine Aladdin-Hose zu gönnen und wie sich das für einen orientalischen Markt gehört, wird natürlich gefeilscht. Dass ich die Verhandlung auf Hebräisch führe, ist meinem Erfolg glaube ich sehr zuträglich, und ehrlich gesagt platze ich fast vor Stolz, dass ich mich schon so gut verständigen kann und mit halbem Preis davonkomme. Als ich danach noch an all den Touristen mit Tel-Aviv-Kappe, Jerusalem-Shirt, Sonnenbrille und Selfie-Stick vorbeilaufe, fühle ich mich auf einmal sehr israelisch, richtig angekommen und das Gefühl ist wunderbar!
Die Altstadt besteht aus uralten, flachen Häusern aus hellem Stein mit engen Gassen dazwischen, genau wie ich mir das von Israel zu Bibelzeiten immer vorgestellt habe. Dazwischen verkündet ein Schild, dass Petrus in diesem Haus Tabitha auferweckt haben soll, und auch wenn man sich da ja nie ganz sicher sein kann, ist die Vorstellung, dass ich 2000 Jahre später an genau der Stelle stehe, so krass, dass ich richtig Gänsehaut kriege.

Dann muss ich leider schon zur nächsten Bushaltestelle im Vertrauen darauf, dass demnächst ein Bus kommt- klappt!- und so bin ich 1,5 Stunden später mit einem Rucksack voller Sonnenschein wieder in Tivon und es ist schon richtig wie nach Hause kommen.

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