Es war einmal ein Bus…

Ich werde wach. Im Halbschlaf gucke ich auf die Uhr. Und auf’s Handy. Und auf die nächste Uhr. Eine Uhr habe ich gestern umgestellt, aber welche nur? Und in die richtige Richtung? Und ob das Handy die Zeitumstellung wohl verstanden hat? Meine Müdigkeit entscheidet vorübergehend, dass ich einfach weiter schlafen sollte, aber dann siegt doch die Vernunft, gut so, denn es ist leider schon Aufstehzeit. 3 Minuten zu spät stehe ich am Treffpunkt, meine Mitfahrgelegenheit ist schon los, also nehme ich den nächsten Bus, kein Problem. Dachte ich. Und wäre ich wacher gewesen, wäre ich sicher nicht ohne auf die Linie zu achten einfach in den nächstbesten Bus gestiegen. Verdammter Konjunktiv…
Später, als ich ab der Schule alleine im Bus sitze, fragt mich der Fahrer irgendwas auf arabisch. Wer hat gesagt, dass sich hebräisch und arabisch ähneln? Und wie ist er bitte darauf gekommen? Zum Glück ist meine Hemmung, zu antworten ohne meinen Gesprächspartner wirklich verstanden zu haben, inzwischen massiv gesunken, ganz im Gegensatz zu meiner Fähigkeit, aus Kontexten zu schließen. Also gebe ich auf gut Glück den Namen meiner Haltestelle von mir. Es scheint seine Frage auch zu beantworten, allerdings nicht zufriedenstellend, denn er hält zur größten Freude der hupenden Autos hinter uns mitten auf der Straße an (dank Mangel an Orientierung weiß ich auch nicht, wo), öffnet die Tür und ehe ich mich versehe, stehe ich auf der Hauptstraße eines mir nicht näher bekannten Dorfs, in dem ich keine andere Frau ohne Kopftuch sehe, begleitet von einem arabischen Wortschwall. Mein gesamter im Kindergarten aufgeschnappter Wortschatz beschränkt sich bisher auf die Begrüßung, bitte, danke, guten Appetit und die Zahlen bis 7, also bedanke ich mich und begebe mich, froh, wenigstens die Nummer meiner Buslinie verstanden zu haben, auf die Suche nach einer Haltestelle. Die finde ich sehr bald, meine Linie gibt’s da aber nicht. Eine nette Frau erklärt mir auf hebräisch, dass ich nochmal umsteigen muss und sie mit mir im ersten Bus sitzt. Sehr gut. Nach einiger Zeit kommt unser Bus und ich muss auf einmal ganz arg grinsen. Denn ratet mal, wer da am Steuer sitzt und offenbar nur eine Schleife ohne mich gedreht hat… Mit dem Umstieg klappt dann alles und die Erzieherinnen reagieren äußerst belustigt auf meine Entschuldigung für die erstaunlicherweise recht kleine Verspätung. Sofort muss ich daran denken, wie ich mich auf dem Schulweg mal im Wald verlaufen habe, eine knappe Stunde zu spät mit Dreck bis zum Knie ankam und meine Englischlehrerin statt zu schimpfen nur herzlich gelacht hat.

Aber zurück zu heute: Vor einiger Zeit hätte ich in so einer Situation glaube ich etwas am Rad gedreht, aber heute war ich echt entspannt und konnte kaum aufhören zu lachen. Israel hat einen sehr guten Einfluss auf mich!

Und noch was ganz Anderes: Erwähnte ich mal, dass im Hebräischen keine/kaum Vokale geschrieben werden? Es gibt aber Ausnahmen, Kinderbücher sind netterweise mit Vokalzeichen versehen, sodass man auch Wörter lesen kann, die man nicht kennt. Gefundenes Fressen für ErstleserInnen allen Alters. Also übe ich damit und fühle mich wie die Erstklässler:

Länge Wörter sind angsteinflößend, ganz automatisch bewegen sich die Lippen, der Finger wandert mit und zeit- und konzentrationsintensiv ist es auch. Nach jedem Satz bin ich stolz und wenn ich dann auch noch Teile verstehe, ist das wie Weihnachten.

Im Kindergarten haben wir ein illustriertes Buch mit Grimms Märchen (Eine Erzieherin hat sich gefreut, dass ich „ihre“ Märchen kenne. Hallo, woher kamen die zwei doch gleich?), besonders gut zum Üben, weil ich sowohl bei den Überschriften als auch bei den fettgedruckten, wichtigsten Sätzen ja weiß, worauf es hinauslaufen soll. Und Sätze wie „Spieglein, Spieglein…“ zu verstehen, ist sehr beflügelnd.
Funfact: „Rumpelstilzchen“ heißt auf Hebräisch „Utzligutzli“.

Auch Lieder eignen sich gut zum Lernen und im Kiga wird natürlich viel gesungen. Während ich anfangs kaum Texte konnte, weil man sich einzelne Silben sehr schlecht merken kann, erkenne ich jetzt immer mehr bekannte Wörter und verstehe sogar gelegentlich, nicht zuletzt dank der Gesten, worum es geht.
Ein paar alte Bekannte habe ich auch schon wiedergefunden. Melodien schon zu kennen ist echt schön, einmal natürlich, weil es wie ein Gruß von Zuhause ist, und außerdem weil ich von solchen Goldkehlchen umgeben bin, dass ich Melodien schlecht lernen kann, schließlich weiß ich ja nicht, WELCHE Töne sie nicht treffen…
„Kasatschok“ und „Dona“ haben wir schon auf Hebräisch gesungen, bei „Und wenn der Rebbe lacht“, einem DER Lieder meines Musikunterrichts, habe ich sogar verstanden, dass unser deutscher Text die 1:1 Übersetzung aus dem Hebräischen ist und „Mein Hut der hat drei Ecken“ gibt es hier auch, aber mit anderer Melodie.
Bei einem unserer wöchentlichen Waldausflüge kommt ein kleiner, unfassbar süßer Junge zu mir, meint, dass er müde ist, und legt sich mit dem Kopf auf mein Bein. Ich singe ihm ein Schlaflied, will dann aufhören, mache auf seinen Protest hin aber weiter. Als ich klein war, haben wir zuhause jeden Abend gesungen, und jetzt in Israel zu sitzen und einem kleinen Beduinen unsere Abendlieder vorzusingen, ist wunderschön! Als ich „Gehe ein in deinen Frieden“ singe, guckt mich eine Erzieherin derart groß an, dass ich lieber aufhöre. Später erklärt sie mir, dass das Lied auf hebräisch wohl einen heftigen zionistischen Text hat. Uups. Und dann singe ich das ausgerechnet für ein arabisches Kind…

PS: Mein Namensspektrum hat mal wieder Zuwachs gekriegt: „Johnson“. Mein bisheriger Favorit „Murana“ kriegt ernstzunehmende Konkurrenz…

Ein Gedanke zu “Es war einmal ein Bus…

  1. Liebe Johanna, habe Deinen Brief von Mama gekriegt!! Wunderbare Lektüre gestern bei einem Gläschen Rotwein – und heute Deine Bus-Odyssee! Du schlägst Dich wirklich wacker und wirst nach diesen Erfahrungen eine unschlagbar verblüffungsfeste Johanna sein! Freue mich ,daß der „Faust“ Dich begleitet, beim Lesen begleite ich Dich ganz eng in Gedanken. Liebe Grüße Brigitte

    Gefällt 2 Personen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s