Unverhofft kommt oft

Teil 1: It’s raining man, hallelujah!

Ich wache auf. Sofort habe ich das ungute Gefühl, dass etwas passiert und ich die einzige bin, die nicht weiß was. Etwas bewegt sich. Nein, ich bin gerade erst aufgewacht, ich bin es nicht. Auf dem Boden läuft ein Gecko lang. Na dann ist ja alles gut, kein Vergleich zu der Kakerlake, die ich neulich im Halbschlaf neben mir auf dem Kopfkissen entdeckt habe.

Heute arbeite ich in Shalhevet, wo ich ganz entspannt mit dem witzigen Hausmeister Blätter fege, bei sich drehendem Wind eine ziemliche Sisyphus-Arbeit. Von ihm habe ich gelernt: “work Israeli“ – 15 Minuten arbeiten, 10 Minuten Pause. Gut, ganz so viel Pause machen wir nicht, aber wir kommen schon nah dran. Mittags helfe ich die Küche zu wischen. Dazu muss ich allerdings meine Definition von “wischen“ erweitern. Wir kippen mehrere Eimer Wasser auf den Boden, verteilen es mit einem Besen in alle Ecken und versuchen danach, es in den offenen Gulli zu fegen. So ganz effektiv ist es nicht und ich versuche zu verdrängen, dass die Küchenfrauen das immer so machen, um mich nicht zu ekeln, aber Spaß macht es zweifelsohne! Ich fühle mich wie eine Bademeisterin und muss an eine Kinderbuchillustration denken, auf der man Findus auf einem Besenunterteil durch das ausgekippte Wischwasser surfen sieht.

Als ich nach Hause komme, steht die halbe Balkoneinrichtung im Flur. Haghit kündigt schon seit ein paar Wochen immer wieder Regen an, aber heute scheint sie es ernst zu meinen. Fürs Protokoll: es ist ein Tag wie jeder andere, 36 Grad warm und staubtrocken, aber gut. Ich sitze auf der Dachterasse, als es auf einmal donnert. Bestimmt Einbildung, kann ja schließlich gar nicht sein. Aber dann donnert es nochmal und der Himmel -ihr glaubt es kaum- ist bewölkt und grau! Haghit scheint einen guten Riecher zu haben. Wir decken den Tisch mit einer Plane ab und noch während wir dabei sind, wird aus dem leichten Windchen urplötzlich ein richtig heftiger Sturm. Wir müssen dagegen anbrüllen, um abzusprechen, was wir noch draußen machen müssen, währenddessen kommen schon die ersten Tropfen. Wir jagen umherfliegenden Polstern und Plastikstühlen hinterher, retten die Holzstühle, können noch verhindern, dass die eilig abgebaute Hängematte uns zu unfreiwilligen Paraglidern macht, und laufen dann rein, die Tür knallt hinter uns zu und wir stehen aufgeregt mit den Nasen an der Scheibe und staunen. Was für ein Wetter! Nach dem ersten Verschnaufen, fallen uns die offene Fenster ein. Ein Krachen verrät, dass der erste Blumentopf umgefallen ist und nun Erde und Scherben über den Balkon fliegen. Haghit warnt mich, bis es vorbei ist, komme was wolle, nicht mehr auf den Balkon zu gehen. Hatte ich nicht vor…
Es handelt sich hier nicht um irgendeinen Regen, sondern um den יורה (iore), den ersten Regen seit April, der das Ende des Sommers einläutet und besonders stark ist. Heute dauert er nur zwanzig Minuten, aber unser Balkon sieht aus wie nach einem Wirbelsturm: Der kaputte Blumentopf hat Gesellschaft gekriegt, die Klappliege hat sich munter über den Balkon bewegt, der Teppich ist zum Glück an der Brüstung hängengeblieben, alles ist voller Dreck und das Sonnensegel hängt einen Meter tiefer als vorher, weil der Wind die Metallstangen der Befestigung derart verbogen hat. Außerdem ist eins der Fenster in meinem Zimmer scheinbar nicht ganz dicht. Die Lichterkette samt Stromversorgung hat erstaunlicherweise überlebt, was man von den meisten Straßenlaternen nicht sagen kann. Aber glaubt ihr, es hätte sich nach dem Regen abgekühlt? Pustekuchen! Es ist weiterhin so heiß, dass ich keine Lust habe mich zu bewegen und daher später losgehe als geplant.

Teil 2: Should I stay or should I go?

Um 17 Uhr will mich eine der Küchenfrauen abholen, damit wir mit den beiden anderen zusammen Kaffee trinken können.
17:04 – Ich komme am Treffpunkt an, Sabrin ist noch nicht da. Glück gehabt.
17:10 – Wie viel Verspätung ist hier wohl der Durchschnitt?
17:20 – Erster erfolgloser Anruf bei Sabrin. Sie geht zwar ran, kann aber kein Englisch und mein Hebräisch ist überschaubar, also bin ich beim Auflegen genau so schlau wie vorher. Ungünstig.
17:35 – Mein mangelnder Wortschatz hat mich inzwischen trainiert, Sachen aus dem Kontext zu erschließen. Vielleicht fällt das Treffen wegen des Regens aus. Meine SMS mit der Vermutung beantwortet Sabrin aber nicht.
17:50 – Zweiter Anruf bei Sabrin. Aha, hatte ich also Recht. Danke für die Info. Da stehe ich nun und kann nur den Kopf schütteln. Willkommen in Israel. Was nun?
17:57 – Der Besitzer des 2nd-Hand-Buchladens bietet mir ein Glas Wasser an, entschuldigt sich für die Unordnung und führt mich zum 30cm breiten Zwischenraum der deckenhohen Regale mit englischen Büchern.
18:10 – Ich sitze in einem im Regallabyrinth aufgetauchten Sessel, einen Gedichtband in der Hand, einen Stapel Bücher neben mir – und daran wird sich die nächste Stunde nichts ändern.

Teil 3: 2×3 macht 4, widdewiddewitt…

Nachdem ich wegen meiner verschiedenen Socken in Deutschland schon gelegentlich mit Pippi Langstrumpf verglichen wurde, häufen sich die Ähnlichkeiten auch in der Vielzahl der Namen. „Johanna“ scheint für die Araber ein schwerer Name zu sein, daher höre ich inzwischen auch auf „Jambo“, „Murana“ und „Jana“. Von mir aus.

Außerdem habe ich einen neuen Job: Im Kindergarten werden alle Anweisungen gesungen und so werde ich hier, unverhofft kommt oft, zur Kinderliedertexterin. Natürlich auf Hebräisch… Manchmal denke ich mir eigene Melodien aus, manchmal mache ich Gebrauch davon, dass hier außer mir keiner deutsche Kinderlieder kennt. Mein neuster Hit ist übrigens “Anachnu mesadrim achschaw.“ (Wir räumen jetzt auf.) auf die Melodie von „Auf einem Baum ein Kuckuck saß“. Wurde von den Kindern sofort übernommenen. Sehr witzig. Mit wachsendem Wortschatz folgen vielleicht noch Strophen, welches Spielzeug aufgeräumt werden soll, aber so weit bin ich noch nicht, ich bin ja erst seit fünf Wochen hier.

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