The flip side of youth work

Ich weiss, ich weiss, ich hab gesagt, als nächstes kommt der Bericht über die Car Rally. Ich bin aber leider noch nicht dazu gekommen, ihn zu schreiben. Stattdessen hab ich viele andere Dinge gemacht: zum Beispiel war ich in einem Methodisten Erntedank Gottesdienst, der ganz anders war, als alle Gottesdienste, die ich bisher erlebt habe. Es war lustig und locker und es gab sogar bequeme Sessel. Man hat im Gottesdienst Tee getrunken und Kekse gegessen. Das klingt erstmal ganz schön… Unheilig, aber ich habe noch nie so eine religiöse Erfahrung gehabt, wie in diesem Gebäude. Obwohl alles neu und technisiert war und überhaupt nicht so, wie ich gelernt habe, wie Gottesdienste zu sein haben, war das für mich eine Stunde, in der ich das Gefühl hatte, zu 100% Prozent verstanden zu haben, was „Gott nahe sein“ heisst. Das waren nicht Mal besonders ergreifende Momente, sondern immer wieder kurze Eindrücke. Wir sind zum Singen aufgestanden, und die, die das altersbedingt nicht mehr konnten, haben zumindest eine Hand nach oben gestreckt. Wir haben dann Lieder gesungen (deren Text freundlicherweise an die Wand projiziert wurde), die ich noch nie gehört hab und in denen ich für mich tatsächlich eine Art… Verständnis von etwas Größerem gefunden habe. Das waren eigentlich nur Kinderlieder, aber trotzdem habe ich darin etwas gefunden, was ich in Deutschland noch nie in einem Gottesdienst hatte. Auch die, die standen, haben an verschiedenen Stellen eine Hand hochgehalten, meistens, wenn es um Dankbarkeit ging. Das war schon was besonderes, irgendwie. Damit bin ich erstmal sehr gut in die Woche gestartet und hatte viel zum Nachdenken (wer weiss, vielleicht werde ich ja doch noch so richtig religiös. So mit in die Kirche gehen und so).

Während Montag und Dienstag eher entspannt waren, ist heute, Mittwoch, ein ganz schön schwieriger Tag. Angefangen hat es mit meiner ersten morning reception shift ohne jemand anderen, dem ich hätte zugucken können oder der mir über die Schulter geguckt hätte. Natürlich war ich nicht alleine in der Base, aber es war trotzdem was anderes, ganz alleine für den administrativen Bereich des Vormittags verantwortlich zu sein. Und Telefonate annehmen ist auf Englisch einfach stressiger als auf Deutsch. Meine Sprachkenntnisse waren in Deutschland zwar auf 15 Punkte Niveau, aber tatsächlich in England sind sie eher auf „ich bin mir nicht sicher, ob ich eine Konversation führen kann“ – Niveau. Ich kann zwar Shakespeare auf Englisch diskutieren und eine Gesichtsanalyse schreiben, aber Alltagskonversation? Besonders am Telefon ist das dann eher schwierig. Der lokale Akzent ist definitiv eine Herausforderung (der man sich aber vergleichsweise schnell gewachsen fühlt) und obwohl mein Ego einen ziemlichen Dämpfer in Kauf nehmen musste, was mein Selbstverständnis in Bezug auf meine linguistischen Fähigkeiten angeht, ist das tägliche Geplänkel inzwischen eigentlich kein Problem mehr. Nur die Telefonate. Die sind irgendwie schwierig. Oh, und wenn die Leute einfach so unglaublich schnell reden und am besten noch nuscheln. Aber auch daran gewöhnt man sich.

Die YPs waren heute morgen sehr unruhig und wir hatten zwei dabei, die ein paar mehr Ansprüche hatten als sonst. An sich macht die Arbeit eigentlich Spaß, aber wenn Leute dabei sind, die auch die anderen aufwiegeln, kann es dann doch in vor allem emotionalen Stress ausarten. Es ist natürlich schwierig, nein sagen zu müssen und wenn dann Leute dabei sind, die ganz bewusst provozieren, aus verschiedensten Gründen, muss man sehr viel nein sagen. Wenn man dann auch noch plötzlich mehr Verantwortung tragen muss, als man das eigentlich bisher gewohnt ist, kann das schon anstrengend werden.

Den Nachmittag hatte ich dann aber ganz in Ruhe frei. Eine willkommene Auszeit nach der doch aufwühlenden Frühschicht. Am Abend geht es dann aber doch mit mehr Verantwortung als gewohnt weiter. Ich hab inzwischen schon relativ viele Nachtschichten gemacht und hab natürlich auch die ganzen Abläufe drauf und heute ist eine neue Mitarbeiterin als zweite Person da, die entsprechend eingearbeitet werden muss. Erstmal ein ganz schön komischer Gedanke, aber als Tagesreflektion ist es schon irgendwie ein gewisses Gefühl der Anerkennung, dass mir schon nach so kurzer Zeit so viel zugetraut wird. An sich natürlich super, aber heute eher schwierig. Es gibt so Nächte, da läuft irgendwie alles drunter und drüber und heute ist so eine. Am Anfang der Schicht dauert es normalerweise 15 bis 20 Minuten, bis man alle Leute in ihren Zimmern hat und sie für den Abend im Computer registriert sind. Dann kann man anfangen das Essen vorzubereiten oder Blackjack zu spielen, was hier viel und mit Vorliebe getan wird. Heute hat das ganze für mich 2,5 Stunden gedauert die Tatsache, dass ich das mit einer neuen Freiwilligen machen musste, die ja nebenher noch eingearbeitet werden muss, hat den Prozess nicht unbedingt verkürzt. Zum ersten Mal seit ich hier bin, sind alle 8 Betten belegt und wir mussten jemanden abweisen. Normalerweise ist die Arbeit im Shelter eher belohnend, weil man so direkt helfen kann, aber jemandem zu sagen „nein, du bist heute leider 2 Minuten zu spät gekommen und alle Betten sind schon belegt“… Das ist kein schönes Gefühl. Ganz im Gegenteil. Auch sonst war die Schicht ziemlich anstrengend und ich schreibe diesen Eintrag in den kurzen Pausen, die ich so zwischendurch kriege. Heute habe ich eben ganz deutlich die andere Seite von youth work gesehen: wenn man den Leuten nicht helfen kann, wenn sie schlechte Tage haben und man nichts tun kann, wenn die Dinge eben nicht so laufen wie geplant, weil man eben am Ende des Tages mit Menschen arbeitet und so viele Variablen in dieser Arbeit nicht berechenbar sind. Eine Erfahrung, die einen irgendwie etwas bescheidener werden lässt. Ich bin heute Abend auf jeden Fall Mal wieder sehr dankbar, dass ich mir keine Gedanken darum machen muss, ob ich für diese Nacht ein Bett habe.

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