Ein Land steht still.

Heute ist in Jom Kipur, der Versöhnungstag. An diesem Tag wird der Vergebung gedacht, nachdem das Volk Israel das goldene Kalb angebetet hat. Ein Tag der Reue, des Vertrauens, der Verbindung zu Gott.
In Israel ist das einer der heiligsten Tage schlechthin und damit auch ein ganz besonderer Tag:
-Alle Läden haben geschlossen, selbst die 24/7-Shops, die am Schabat geöffnet bleiben, sind heute dicht.
-Keiner fährt Auto. Weder von der Schnellstraße auf der einen, noch von der Hauptstraße auf der anderen Seite dringen Motorengeräusche zu uns. Den Sonnenuntergang gestern (ein Tag fängt am Vorabend an) konnte ich regelrecht hören. Alles ist ruhig. Selbst der Wind. Fährt doch mal ein vereinzeltes Fahrzeug, kann man seinen Weg durch die ganze Stadt hören, weil es weit und breit der einzige Motor ist. Man hört die wenigen Vögel zwitschern, die noch nicht den zahlreichen Straßenkatzen zum Opfer gefallen sind.
– Die Religiösen verbringen den gesamten Tag in der Synagoge.
– Es werden kaum (in religiöseren Haushalten gar keine) elektrische Geräte benutzt.
– Die meisten Leute fasten.

Von uns fastet keiner: Haghit hält nicht viel von solchen Vorschriften, ihre Tochter, die auch bei uns ist, ist noch in der Stillzeit und ich habe krankheitsbedingt schon die letzten Tage unfreiwillig gefastet und brauche mein Essen und Trinken jetzt. Auch in der Synagoge sind wir nicht.
Trotzdem ist für uns der Tag ganz anders. Vormittags lege ich mein Handy zur Seite, zu oberflächlich und unpassend erscheint mir das an einem Tag wie heute. Wir liegen jede für sich rum und sind still. Ich liege draußen. Anfangs blättere ich noch kurz in meinem schönen Liederbuch („Stimmband“, sehr empfehlenswert, klein und mit der perfekten Auswahl an Liedern zu jeder Gelegenheit. @Sophie: Danke!!), summe ganz leise, lerne Texte, erinnere mich an Situationen, in denen ich diese Lieder gehört oder gesungen habe. Dann lege ich mich auf den Balkonboden und nehme einfach mal wahr, was ich sehe und noch mehr, was ich nicht sehe. Ich beobachte drei Ameisen, die einen Kekskrümel abtransportieren. Ich genieße meine eigenen Gedanken und schalte völlig ab. Was für Erinnerung alle hochkommen, wenn man sie stundenlang einfach mal lässt…Erst als die Sonne alles rot färbt, merke ich, wie viel Zeit vergangen sein muss. Ich stehe auf, treffe Haghit im Flur und flüstere automatisch, weil die Stille um uns herum so umfassend ist, das lautes Sprechen mir falsch vorkommt.

Würde ich nicht sowieso gerne barfuß gehen, wäre heute der Tag, an dem ich meine Schuhe ausziehe. (Funfact: Bei meiner Recherche finde ich raus, dass sehr religiöse Menschen das heute sogar tun. Wusste ich nicht als ich den Satz geschrieben habe.)

Und dann ist es auf einmal auch schon sieben Uhr. Die Dunkelheit kommt zurück und mit ihr die Geräusche. Es ist, als hätte man einen Film einen Tag lang auf stumm geschaltet und drehe jetzt langsam wieder den Regler hoch. Ich gehe schon seit einiger Zeit auf der leeren Hauptstraße spazieren. Die ersten Autos kommen, anfangs zähle ich sie noch mit. Nach und nach werden es immer mehr. Ich sitze am Straßenrand und schaue zu, wie die Stadt wieder zum Leben erwacht. Ich habe Gänsehaut. Es ist kühl, zum ersten Mal hier trage ich einen Pulli, aber daher kommt die Gänsehaut nicht. Es fühlt sich so besonders an, ich kann es gar nicht beschreiben oder begreifen, nur genießen.

Unterwegs kommen mir die letzten weiß gekleideten Gottesdienstbesucher auf dem Heimweg entgegen, an anderen Häusern kann ich durchs Fenster schon Familien sehen, die ein Festessen auftischen – es ist fast wie unser Spaziergang am Weihnachtsabend.

Was für ein wundersamer, wohltuender Tag! Man kommt zur Ruhe, hat Zeit für sich, keiner arbeitet, die Tiere und spielenden Kinder haben die Straßen für sich, die Umwelt wird einen Tag lang wunderbar geschützt… Warum gibt es so einen Tag nicht überall? Während ich all das schreibe, höre ich wieder den Verkehrslärm, der nach dem Tag heute noch viel lauter scheint als an jedem anderen Tag. Schade.

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